Aufsatz 
Über gewerbliche Genossenschaften
Entstehung
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13 II.

Neben dieſen Glanzperioden des Zunftlebens haben wir nun aber auch ſeine Schattenſeite und ſeinen Verfall ins Auge zu faſſen, um die Frage zu beant worten, welche Gebrechen bei der alten Zunftverfaſſung im Lauf der Zeiten zu Tage getreten ſind? Alle menſchlichen Einrichtungen, die aus beſtimmten Ver hältniſſen hervorgegangen ſind, müſſen wenn ſie Beſtand und Lebensfähigkeit be⸗ halten wollen, den veränderten Verhältniſſen entſprechend ſich umbilden. Wo dies unterbleibt, da muß naturgemäß Stillſtand, Rückſchritt und Verfall eintreten. Das Zunftleben war im Laufe der Zeit, bereits gegen das 16. Jahrhundert hin, an einem Wendepunkt angelangt, den es nicht erkannte; es war in ganz verän derte Zeitverhältniſſe mit hinüber getreten, deren Bedürfniſſen und Anſprüchen ſich entſprechend umzubilden die alte Zunft nicht über ſich gewinnen konnte. Deſto enger und ſtrenger hütete man die alten geſchriebenen Ordnungen, die Formen, aus denen der Geiſt und das Leben entwichen waren und das ehemalige bedeu tungsvolle Zunftleben wurde mehr und mehr zum Zerrbilde verunſtaltet. Stadt gegen Stadt ſchloß ſich ab und Gewerbe gegen Gewerbe, aller Schwung des ge werblichen Fortſchritts erlahmte, weil der Abſatz und der innere Markt fehlte. Die Meiſter benutzten ihre Verbindung, um keinen Fremden unter ſich aufkommen zu laſſen. Nur ihre Söhne und ſolche, die ſich herbeiließen, Meiſtertöchter zu heirathen, wurden zugelaſſen, angehende Meiſter durch übertriebene, koſtſpielige Meiſterſtücke zurückgeſchreckt, der lokale Markt monopoliſirt. In vielen Städten waren auch die Handwerke geſchloſſen, d. h. man nahm an, daß zur Befriedigung des Publikums nicht mehr als ſo und ſo viel Mei ſter nöthig wären, ſo daß alſo ein Geſell nicht früher Meiſter werden konnte, als bis ein alter Meiſter mit Tod abging. Zugleich war dann meiſtens feſtge ſetzt, wie viel Geſellen und Lehrjungen ein Jeder halten durfte. Das iſt die klaſſiſche Periode des Zunftzwangs, wie er ſich ſeit dem 17. Jahrhundert immer mehr geltend machte: die Periode der Verkommenheit, die noch heute manche Gewerbsgenoſſen allein im Auge und im Gedächtniß haben, wenn ſie in allzu ſchnellem Urtheil alles Zunftweſen mit Stumpf und Stiel verwünſchen.

In ſolchem Sumpfe mußte freilich aller Fortſchritt ſtecken bleiben. Die Zeit aber war nicht ſtecken geblieben, ſondern mit Rieſenſchritten vorwärts gerückt. Die wichtigſte aller phyſikaliſch-mechaniſchen Erfindungen, die der Dampfmaſchine, war durch James Watt ins Leben getreten und ihre Anwendung auf die Gewerbe leiſtete tauſendfältig mehr als der bloßen Händearbeit bisher hatte gelingen wol len. Das erſte, von dem Amerikaner Fulton erbaute Dampſſchiff durchſtreicht im Jahr 1807 die Wogen des Meeres. 1814 brauſt die erſte Locomotive auf Eiſenſchienen dahin zwiſchen der Stadt Leeds in England und den nahen Koh⸗ lenbergwerken. An der Hand der Dampfmaſchine ſchwang ſich plötzlich die Mecha⸗