Aufsatz 
Über gewerbliche Genossenschaften
Entstehung
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erſchöpflich ſein, wenn hier auch nur auf das näher eingegangen werden könnte, was Köln, Augsburg und Nürnberg, dieſe Mittelpunkte aller deutſchen Gewerbe⸗ und Kunſtthätigkeit im Mittelalter, im Einzelnen geſchaffen haben, bis die Erfin⸗ dung Gutenbergs und die Entdeckung einer neuen Welt eine andere Zeit, ein neues Weltalter herbei führten.

Denn war bis zum 16. Jahrhundert Deutſchland der Mittelpunkt des Welthandels, waren die Erzeugniſſe deutſchen Gewerbfleißes die vortrefflichſten geweſen, die nach allen Ländern auszuführen der ſtolze Bund der Hanſa ſich vorgeſetzt, ſo entſtanden nunmehr auch in anderen Ländern, namentlich in Frank⸗ reich und England, Fabriken und Werkſtätten, deren Erzeugniſſe immer mehr mit den deutſchen concurrirten. Die anbrechende ſchwere Zeit für den Handwerker⸗ ſtand wird durch die religiöſen Kämpfe, die zuletzt in einen Land und Volk rui nirenden dreißigjährigen Religionskrieg ausarteten, noch verſchlimmert. Bald ſchloß ſich ein Bezirk gegen den andern auch noch mit Zollſchranken ab, der Handel ſtockte, die Gewerbe erlahmten, eine zeitgemäße Umbildung des Zunft⸗ weſens unterblieb, an die Stelle geiſtiger Regſamkeit im Geſchäft trat ein ver⸗ ſauernder Schlendrian, aller Wetteifer ſtockte, die Macht der Städte zerfiel, ein engherziger Sinn kam über das Handwerk, und in ſteifen abgelebten Formen be⸗ wegte ſich nur noch ein zopfiges Spießbürgerthum.

Indeſſen hatte der Weltmarkt ſeine Pforten geöffnet und an der Hand fortſchreitender Cultur wurden Entdeckungen und Erfindungen gemacht, die auch dem Handwerk eine ganz neue Unterlage bereiteten. Unter den Erſchütterungen der franzöſiſchen Revolution und eines in ihrem Gefolge losbrechenden fünf und zwanzigjährigen europäiſchen Krieges konnten jene mittelalterlichen Formen nicht mehr beſtehen bleiben, die Feſſeln des Zunftzwangs wurden geſprengt oder doch vielfach gelockert und rieſige Naturkräfte, an der Stelle der Menſchenhand, zum Dienſt des Menſchen, zur Erzeugung und Verarbeitung ſeiner Bedürfniſſe mehr und mehr zur Anwendung gebracht. Von dieſer modernen Art mehr maſchi⸗ nenmäßigen Gewerbebetriebs im Gegenſatz gegen die frühere mehr handwerksmä⸗ ßige Darſtellung werden wir hernach näher zu reden haben. Wir haben uns hier nur die Fragen zu beantworten: 1. Worin beſtand die charakteriſtiſche Be⸗ deutung der alten Zunftverfaſſung? 2. Welche Gebrechen ſind bei derſelben im Lauf der Zeiten zu Tag getreten? Und 3. Soll das Zunftweſen etwa in irgend einer Form heut zu Tage beibehalten oder wieder ins Leben gerufen werden oder nicht? Und wenn nicht, was iſt an ſeine Stelle zu ſetzen?

I.

Hierbei iſt es denn merkwürdig genug, daß zunächſt nicht gewerbliche, ſondern ſitt⸗ liche, religiöſe und politiſche Intereſſen in jener feſten Ordnung und Gliederung des Zunftlebens ihre Stütze fanden.Inſittlicher Beziehung charakteriſirt ſich die Ehren⸗ haftigkeit des Strebens der Zunftgenoſſen ſchon äußerlich in den Aufnahmebedin⸗