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Es kann daher den Aeltern der Zöglinge ſowie allen theilnehmenden Freun⸗ den einer ſolchen Anſtalt nicht gleichgültig ſein, zu vernehmen, welche Stellung dieſelbe zu dieſen wichtigen Fragen einnehme, nach welcher Richtung hin ſie die jungen Leute zu befähigen trachte, an der Berathung und Löſung dieſer wich— tigen Tagesfragen ſeiner Zeit nach dem Maß ihrer Kräfte mitzuwirken. Wir wollen zu dem Ende die geſchichtliche Entwickelung der Gewerbe, in ihrem früheren wie ihrem gegenwärtigen Zuſtand, in Betrachtung ziehen, die Licht⸗ und Schattenſeiten ihrer Organiſation unparteiiſch darlegen und ſchließlich in näher gehender Ausführung der Frage über gewerbliche Genoſſenſchaften aus der Trübniß der dermaligen unbefriedigenden Zuſtände einen Blick hinüber— werfen in eine hellere Zukunft, der die productiven Kräfte der edelſten Nationen immer mächtiger entgegen ringen.
Es iſt für den Lehrer der vaterländiſchen Geſchichte eins der anziehendſten Ka⸗ pitel, wenn er die Handels- und Verkehrsverhältniſſe, die Handwerks- und Kunſttüchtigkeit unſerer Altvordern und die ganze Entwickelung des deutſchen Lebens auf dieſen Gebieten, durch die Jahrhunderte hindurch, darzuſtellen hat. Wie die hoörigen Leute, die Leibeigenen des Adels und der Klöſter— denn einen freien Handwerkerſtand gab es vor dem 10—12. Jahrhundert nicht— ſich in die Städte überſiedelten, immer tüchtigere Arbeit liefern lernten, immer wohlha— bender wurden und endlich von ihren Banden ſich loskaufen konnten; wie die Kaiſer ſo oft dieſe Klaſſe des Volks zu den Waffen rufen mußten und dieſe po⸗ litiſche Anerkennung des Standes denſelben zu größerer Unabhängigkeit ſtreben ließ. Die rüſtigen Arme, welche Hammer, Meiſel und Webſchiff ſo gewandt zu führen wußten, griffen kühn nach dem Ruder oder doch nach einem Antheil an dem Stadtregiment und ſo entſpinnen ſich aller Orten jene Kämpfe, die bis ins 15. Jahrhundert hinein tobten und unter Strömen Bluts, nach langem Ringen mit der Herrſchaft der Geſchlechter, in den meiſten Orten zu dem Siege des Handwerker⸗Standes und der Zunftverfaſſung hinüber führten. Und wie erhe— bend ſtellt ſich gleichzeitig jene hohe techniſche Vervollkommnung aller Gewerke dar, deren Arbeiten noch heute unſere Bewunderung erregen! Welche Blüthe zumal aller Bauhandwerke in den Reichsſtädten, welche geſchmackvolle Gediegen— heit in allen Holz- und Metallarbeiten, beſonders, wo es der Verherrlichung der Kirchen, dem Schmuck der Rathhäuſer, der Verſchönerung des häuslichen Lebens⸗ genuſſes galt! Und über alle dieſe Arbeiten iſt eine eigenthümliche Weihe aus— gegoſſen: denn das Handwerk war— zumal in den Bauhütten unſerer Dome— zur Kunſt durchgebildet und die Kunſt war ein Gottesdienſt geworden. Ja, ſelbſt die Poeſie war zünftig geworden und unſere Literaturgeſchichte weiß viel zu berichten von den Schulen der Meiſterſinger und von der Handwerker⸗Comödie und wie beide, jene für Erhaltung, dieſe für Fortentwickelung unſerer volksthüm⸗ lichen Dichtung ſo bedeutend geworden ſind. Der Stoff würde in der That un⸗


