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dem Gebiete des Handelsverkehrs und des Gewerbfleißes die Stürme und An⸗ fechtungen nicht erſpart bleiben, die der Geiſt unſererZeit, dafern er als ein wirklich lebenskräftiger ſich erweiſen will, zu beſtehen und niederzuwerfen hat. Wir ſtehen heute mitten in dieſem Zug und Drang. Auf der einen Seite er⸗ ſchallt der Ruf nach Hemmungen und Schranken gegen die drohende Uebermacht der Wiſſenſchaft, des Erfindungsgeiſtes und der ihm dienſtbaren Geldkräfte und zum Schutze der Arbeitskraft; auf der andern hört man die eindringlichſten War⸗ nungen vor jedem Verſuch des Rückſchreitens, von jedem Stillſtand und die hef⸗ tigſten Erklärungen gegen jede Schutzmaßregel, als eins der größten Uebel für eine geſunde Entwickelung des Gewerbfleißes.
Als eine der merkwürdigſten Erſcheinungen dieſer Art ſteht das neue öſterreichiſche Gewerbegeſetz vor den Augen der erſtaunten Geſchäftswelt, eine Regierungs-Maßregel aus einem Lande, das durch die ſcheinbar wider⸗ ſprechendſten Maßnahmen überraſcht. In ſchroffen Gegenſatz zu dem Geiſt, der den neueſten Vertrag mit der Kirche diktirt hat, ſtellt ſich dort das volle frei⸗ heitliche Bewußtſein der Gegenwart in einem Geſetzentwurf, der das gewerbliche Leben von den lähmenden Feſſeln des Innungsweſens und des Zunftzwangs be⸗ freit. Der neue Handelsminiſter, Herr von Toggenburg, hat die Unmöglichkeit erkannt, bei dem großen Impuls, der jetzt allen productiven Erwerbsquellen des Landes zu Theil werden ſoll, unter dem Zunftzwang und der Conceſſionschicane gerade diejenigen Zweige einer geſunden Volkswirthſchaft verkommen zu laſſen, die die kleinen Capitalien in Umlauf erhalten und die größere Bevölkerungs⸗ ſchichte ernähren. Er hat kurz entſchloſſen die alten Einrichtungen über Bord geworfen und ein völlig neues Syſtem aufgeſtellt, das von den arbeitenden Klaſ⸗ ſen und von der öffentlichen Meinung des Landes mit Jubel aufgenommen wurde. Aber auch an mächtigen Gegnern fehlt es der Neuerung nicht. Während die Handelskammern der Provinzen dieſelbe entſchieden günſtig beurtheilen, machen ſich im Schooße der erſten Handelskammer Oeſterreichs, in der Vertretung für die Induſtrie der Hauptſtadt Wien, die gewichtigſten Stimmen dagegen geltend, halten ſich, wie ein Augenzeuge aus Wien ſchreibt, Licht und Finſterniß noch immer die Waage.— Und wie heute in Oeſtreich, ſo tauchen auch in den übrigen Ländern des großen deutſchen Handels-Verbandes unaufhörlich die gleichen Fra⸗ gen auf und dringen, je nach den örtlichen Verhältniſſen mit größerer oder mit geringerer Entſchiedenheit auf ihre Löſung. Was aber hierdurch ein Gegenſtand des Nachdenkens, der Beurtheilung für jeden Gebildeten geworden iſt, weil die Sache eben jeden angeht, indem jeder producirend oder conſumirend dem Allge— meinen ſeinen Tribut zu entrichten hat, das muß naturgemäß in denjenigen An⸗ ſtalten, die berufsmäßig den Intereſſen des Handel⸗ und Gewerbtreibenden Publi⸗ kums ihre beſonderen Dienſte leiſten ſollen, zunächſt alſo in den merkantilen und gewerblichen Schul-Anſtalten, eine beſondere Berückſichtigung finden.
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