Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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Ziel im lateiniſchen Unterricht des Realgymnaſiums nicht überſchritten, wird dabei mit beſtändiger Vorausſetzung der grammatiſchen Grundlage die Aufmerkſamkeit hauptſächlich dem Sachinhalt der klaſſiſchen Autoren zugewendet,(bei deren Auswahl die größere oder geringere Muſterhaftigkeit des Styls bei dem überwiegend ſachlichen Intereſſe natürlich von untergeordneter Wichtigkeit erſcheint): ſo wird unausbleiblich in der Jugend Luſt und Liebe für dieſes Studium geweckt, die dem klaſſiſchen Al⸗ terthum und ſeiner Literatur gebührende Verehrung geſichert und nebenbei eine Ge⸗ wandtheit des Geiſtes und eine Erweiterung und Vertiefung des Ideenkreiſes gewonnen, wie ſie kein anderer Lehrgegenſtand des Realgymnaſiums gewähren kann.

Wenn nun, dem Bisherigen zufolge, eine Verſchmelzung der beiden Bildungs⸗ wege unſerer Zeit wenigſtens auf der elementaren Stufe des höheren Schulunterrichts nicht blos als der Idee nach wünſchenswerth, ſondern auch in der Durchführung als möglich und erſprießlich ſich herausſtellen ſollte, ſo wird es genügen, zum Schluſſe über den weiteren Ausbau der beſagten Einrichtung mehr andeutend als ausführend die Hauptgeſichtspunkte feſtzuſtellen. Konnte nämlich die allgemeine Bildung, wie ſie jede Schule zu geben hat, in den unterſten Stufen durchgehends die nämliche ſein, ſo muß dieſelbe, je höher ſie fortgeführt wird, und in die Unmög⸗ lichkeit tritt, mit gleicher Vollkommenheit alle Theile zu umfaſſen, nunmehr ſich ſpalten, alſo allmählich die Natur einer allgemeinen Bildung verlieren und in die entſprechenden Fachbildungen übergehen. Es werden daher die Fachſchulen, wegen des heut zu Tage eingetretenen höheren Anſpruchs an die allgemeine Bildung, auch der gewerblichen Stände, eines gewiſſen Fortſchreitens in allgemeiner Bildung eben ſo wenig entbehren können, als anderer Seits die Anſtalten für allge⸗ meine Bildung bei der eingetretenen vorwaltend induſtriellen Richtung der Zeit und bei den vielfachen Beziehungen, in welche die Mehrzahl der Zöglinge in ihrem künftigen Berufsleben doch zu den realen Wiſſenſchaften treten, jedenfalls eine gewiſſe Summe dieſer Wiſſenſchaften in ihren Lehrkreis aufnehmen müſſen. Der Charakter der höheren Lehranſtalten, der auf dem Vorwalten der einen oder andern Bildungs⸗ richtung beruht, wird daher auch nur nach dem Vorwalten, nicht nach der Ober⸗ herrſchaft der einen oder andern Berufsrichtung ſich beſtimmen.

Das gelehrte, wie das realiſtiſche Gymnaſium, ſo entſchieden ſie auch in ihren oberſten Klaſſen jenes die klaſſiſch-humaniſtiſche, dieſes die mathema⸗ tiſch-naturwiſſenſchaftliche Ausbildung als Zielpunkt ihrer Anſtrengungen voranſtellen, laſſen bei alle dem das allgemein menſchliche Element ihrer Bildung als ein Gemeinſames erkennen, das durch die hinzutretende Berückſichtigung dort der Fakultätsſtudien und hier der ſpeciellen Fachſchulen nur ſeine beſondere Ge⸗ ſtaltung und Färbung erleidet. Sowie alſo das gelehrte Gymnaſium ſofort gleich im vierten Jahreskurſus die griechiſche Sprache mit anſehnlicher Stunden⸗