Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

zu erwarten ſtände. Dagegen muß vor Allem geltend gemacht werden, daß die Schüler der Realanſtalten, da kein Einziger derſelben ein Gelehrter werden will, in einem eigenthümlichen Verhältniß zum Lateiniſchen ſtehen und demgemãß auch die Anforderungen an ſie nicht mit dem für die Gymnaſien gegebenen Maßſtab gemeſſen werden dürfen. Sie lernen das Lateiniſche nur mit Rückſicht auf den künftigen Beruf, der eine gewiſſe Bekanntſchaft mit demſelben vielfältig vorausſetzt; literariſche Kenntniſſe ſucht keiner, wohl aber wird ihm ein tüchtiger Stoff, den er ſonſt brauchen und mit ſeinem übrigen Wiſſen in Beziehung ſetzen und ihm aſſi miliren kann, ſehr willkommen ſein. Auf die Kunde römiſcher Dichtwerke kann er ganz Verzicht leiſten; aber einen tüchtigen Geſchichtſchreiber, wie Salluſt, einen hinreißenden Redner, wie Cicero, einen gründlichen Naturforſcher, wie Plinius ver⸗ ſtehen zu können, das wird ihn für die aufgewendete Mühe hinlänglich lohnen. Welch ein kraftvolles Leben und Walten des menſchlichen Geiſtes, welch ergreifendes Spiel menſchlicher Leidenſchaften, welche Staunen erregende Welt bürgerlicher Ein⸗ richtungen, welch erhabene Bilder hohen Edelmuthes und patriotiſcher Charakter⸗ größe breitet das Leſen und Erklären ſolcher Schriftſteller vor der Seele des Knaben und Jünglings aus! Und daß der Schüler, nachdem er drei Jahre gründlich die Elemente der Sprache gelernt, fortan auf den eigentlichen Realklaſſen, die viel⸗ leicht nur noch vier oder drei wöchentliche Stunden jenem Unterricht abtreten können, dieſes bezeichnete Ziel in einigen Jahren wirklich erreichen könne und müſſe, kann hiernach wohl keinem Zweifel mehr unterliegen, und der Erfolg eines ſo weit fort⸗ geſetzten Studiums der lateiniſchen Sprache wird ſicherlich um ſo heller hervortreten, je mehr der Lehrer es verſteht, in formaler Hinſicht durch Vergleichung mit neueren Sprachformen und Wendungen den hiſtoriſchen Zuſammenhang derſelben mit der lateiniſchen nachzuweiſen, und in materialer, die durch die Lectüre gewon⸗ nenen Anſchauungen, Anregungen und Wiſſenswürdigkeiten mit dem ganzen ſonſtigen Ideenkreis des Schülers in Combination zu ſetzen. Daß der lateiniſche, deutſche und wo möglich auch der geſchichtliche Unterricht einer höheren Realklaſſe hierbei in einer Hand liegen müſſe, ergibt ſich hiernach als unerläßliche Bedingung von ſelbſt und iſt auch ſonſt ſchon ſtark genug geltend gemacht worden. Niemand aber wird behaupten wollen, daß Alles dies etwa durch Ueberſetzungen oder nachahmende Erzählungen ebenſo gut erreicht werden könne; die damit angeſtellten Verſuche haben das Ungenügende dieſer Methode gar bald erkennen und abſtellen laſſen. Es genügt hierbei für die Zwecke der höheren Realklaſſen, des eigentlichen Realgymnaſiums, vollkommen, wenn die Schüler dahin gelangen, einen Autor von mittlerer Schwie⸗ rigkeit zu verſtehen und daraus hergenommene Aufgaben fehlerfrei zu überſetzen, was immerhin ſchon ein ziemliches Maaß von Kenntniß des Lateiniſchen voraus⸗ ſetzt, während die größere Gewandtheit im mündlichen und ſchriftlichen Ausdruck und insbeſondere die analyſirende Lectüre ſchwierigerer Schriftſteller und namentlich der Dichter ein für allemal dem Gymnaſium überlaſſen bleiben muß. Wird dieſes 2 3