Bildung des Knaben daraus zu hoffenden Gewinn durchaus in keinem rechten Verhältniß und die Erlernung und Einübung wichtigerer Lehrgegenſtände müſſe dadurch allzu ſehr beeinträchtigt werden, und dann könne dieſe Sprache doch nicht in ſolcher Ausdehnung gelehrt und den Schülern eine ſolche Fertigkeit in lateiniſcher Lectüre beigebracht werden, daß der doch nur in einem reiferen Jugendalter durch Kenntniß der klaſſiſchen Autoren daraus zu erzielende Gewinn und Genuß, überhaupt ein kräftigender Einfluß derſelben auf das jugendliche Gemüth zu erwarten ſtände. Wir wollen uns jeden von beiden Einwürfen etwas genauer anſehen.
Der lateiniſche Sprachunterricht nimmt allerdings auf den Anſtalten, die ihn betreiben, einen Haupttheil der Schulzeit in Anſpruch, indem ſelbſt in den unteren Klaſſen ihm wenigſtens ſechs bis acht wöchentliche Lehrſtunden gewidmet zu ſein pflegen, und für die Realſchule wäre ein ſolcher Zeitaufwand allerdings kaum zu rechtfertigen, wenn derſelbe blos der betreffenden Sprache zu Gute käme. Dem iſt aber glücklicher Weiſe nicht ſo; vielmehr zieht zunächſt die eigne Mutter⸗ ſprache daraus einen anſehnlichen Gewinn. Je mehr nämlich die Unfruchtbarkeit eines ſtreng grammatiſchen Unterrichts in der Mutterſprache allgemein erkannt und gefühlt wird, deſto enger wird ſich derſelbe an eine fremde Sprache anlehnen müſſen, und die formenreiche und biegſame Sprache der Römer wird auch für dieſen Zweck ſicher um ſo geeigneter ſein, je mehr ſelbſt ein gründliches Studium des Franzö⸗ ſiſchen und anderer romaniſchen Töchterſprachen eine fortgeſetzte Vergleichung der neueren Spracherſcheinungen mit der alten Stammſprache gebietet. So erhält der geſammte Sprachunterricht, indem er ſich einer und derſelben grammatiſchen Termi⸗ nologie bedient, eine innere Einheit und Feſtigkeit, die in Betracht der dadurch gewonnenen Förderung des ganzen Sprachſtudiums als ein unſchätzbarer Gewinn nicht hoch genug anzuſchlagen iſt. Darum verlangen wir eine tüchtige grammatiſche Grundlage im Lateiniſchen, wie ſie ſich in einem dreijährigen Kurſus erreichen läßt; nichts Halbes, Scheinbares darf hier genügen wollen; ſolches könnte Angeſichts der geſteigerten Anforderungen an die Realſchulen gar nichts bedeuten und würde beſſer ganz ausfallen. Iſt aber durch einen dreijährigen Kurſus ein guter Grund gelegt, die Formenlehre und die leichteren Stücke der Syntar feſt eingeprägt und eingeübt, ein gehöriger Wortvorrath gewonnen und zum Leſen und Verſtändniß eines leichten Autors Anleitung gegeben: dann kann auf dieſem Grunde auch im höheren Realſchulunterricht, wenn gleich in alljährlich verminderter Stundenzahl, doch mit Sicherheit weiter fortgebaut und bei ſachgemäßer Behandlung des Gegen⸗ ſtandes ein Ziel erreicht werden, auf welches dieſe Anſtalten ſtolz zu ſein alle Ur⸗ ſache hätten.
Und hiermit ſtünden wir an der Erledigung jenes zweiten Haupteinwandes gegen das Lateiniſche in der Realſchule, wonach behauptet wird, es könne dieſe Sprache nicht in der Ausdehnung getrieben werden, daß ein erheblicher Nutzen davon


