vollkommneren Entwickelung und nachhaltigen Erhebung zu wahrer und echter Humanität zur Baſis zu dienen geeignet iſt.
Wenn nun aber auch gewiß die Mehrzahl realiſtiſch gebildeter und geſinnter Schulmänner dieſe Grundſätze in der Theorie anerkennen ſollte, ſo wird ſich dagegen über die praktiſche Durchführung derſelben, die ihnen entſprechende Feſtſtellung des Lehrplanes, die geeignete Auswahl und Behandlung der einzelnen Lehrgegenſtände nicht ſo leicht eine Verſtändigung herbeiführen laſſen, und der gewichtigſte Einwurf, mit dem allerdings der ganze Vorſchlag ſteht oder fällt, ſich auf das Lateiniſche werfen und deſſen Weſentlichkeit für die realiſtiſche Schulbildung wenigſtens ſtark in Zweifel ziehen, wo nicht ganz und gar verwerfen. Ja, es möchte faſt gewagt erſcheinen, dieſer Sprache als einem für alle Berufsarten unerläßlichen Bildungs⸗ mittel fürderhin noch das Wort zu reden, nachdem die letzten Verſammlungen der deutſchen Realſchulmänner erſt zu Meißen mit großer Mehrzahl und letzthin zu Mainz faſt mit Stimmeneinhelligkeit dieſelbe als weſentlichen Beſtandtheil des Real⸗ ſchulunterrichtes geradezu verworfen haben. Gleichwohl kann, wie wenigſtens für jetzt die Zeitverhältniſſe noch liegen, nicht feſt genug auf der Beibehaltung des Lateiniſchen beſtanden werden. Es mag ſein, daß künftige Generationen es rath⸗ ſam finden mögen, ſich des Lateiniſchen für immer zu entſchlagen und es wird um ſo gewiſſer dahin kommen, je mehr die nationalen Bildungselemente in unſern Schulen Wurzel ſchlagen und den Einfluß der römiſchen Weltanſchauung, der unſer politiſches und religiöſes Leben dermalen noch vielfältig durchdringt, niederſchlagen und vielleicht ganz ausſtoßen helfen. Unſre Zeit iſt aber auch in dieſer Beziehung, wie in ſo manchen andern, erſt eine Uebergangsperiode, und daß ſie in eine neue, beſſere übergehe, nicht überſpringe, muß unſre, der Zeitgenoſſen nächſte und dringendſte Sorge ſein. Auf ein altbewährtes und für jeden Gebildeten noch immer mehr oder weniger unentbehrliches Bildungsmittel, wie die Kenntniß der lateiniſchen Sprache es iſt, freiwillig verzichten, hieße in der That der Zukunft vorgreifen, während doch unſre Pflicht nur die ſein kann, ihr vorzuarbeiten und die Wege anzubahnen.
Und keiner andern Sprache von den jetzt lebenden kann die bildende Kraft der lateiniſchen inne wohnen. Gerade daß wir eine fremde, entlegene und dennoch für uns ſo wichtige Welt in einer fremden und doch vortrefflichen Form durch eine Anfangs mühevolle Arbeit kennen lernen, gerade dadurch kommen wir über die Beſchränktheit der Mutterſprache und der Gegenwart ganz hinaus, gerade dadurch erſt kann ſich unſer Bewußtſein zu einem allgemein menſchlichen erweitern. Darin ſind jedoch auch alle Urtheilsfähigen einverſtanden, daß ein ſolcher formaler Nutzen des Lateiniſchen allerdings vorhanden, ja daß die Kenntniß dieſer Sprache für alle Schüler ohne Ausnahme wünſchenswerth ſei: nur müſſe hauptſächlich zwei— erlei dagegen geltend gemacht werden. Denn einmal ſtehe die in den Schulen auf Erlernung dieſer Sprache zu verwendende viele Zeit und Kraft mit dem für die


