Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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Alle dieſe Betrachtungen ſcheinen eine Vermittelung der widerſtreitenden An⸗ ſichten, eine theilweiſe Verſchmelzung beider Bildungsrichtungen unſrer Zeit ge⸗ bieteriſch zu fordern, und es wird eine ſolche durch die Erörterung der Frage ſich ergeben, ob und in wie weit der höhere Schulunterricht, unbeſchadet der künftigen Berufsbildung, für alle Klaſſen künftiger Staatsbürger gemeinſchaftlich ertheilt werden könne? Wir meinen, daß dieſes in den drei unteren Klaſſen, auf der mehr elementaren Stufe des höheren Schulunterrichtes, vom zehnten etwa bis zum dreizehnten Lebensjahre füglich und mit Erfolg geſchehen könne und müſſe. Die Gelehrtenſchulen wären mithin ſo einzurichten, daß die drei unteren Klaſſen derſelben dem Bedürfniß einer Realſchule vollkommen entſprächen, die Scheidung der Schüler mit Rückſicht auf den künftigen Beruf in Parallelklaſſen folglich erſt mit dem dreizehnten Jahre vor ſich ginge.

An Einwendungen gegen die Erſprießlichkeit des Vorgeſchlagenen wird es übrigens, zumal von Seiten der Freunde der realiſtiſchen Bildung, gewiß nicht fehlen. Einige derſelben werden, und nicht ohne Grund, dagegen geltend machen, daß es nothwendig ſei, die Jugend, welche ſich auf den von der Zeit gebotenen Höhepunkt theoretiſcher und praktiſcher Tüchtigkeit emporſchwingen wolle, ſo früh⸗ zeitig als möglich in die Gegenſtände und Wiſſenſchaften einzuführen und einzu⸗ weihen, welche theils der Theorie und Praxris ihres beſonderen Berufs, theils den bürgerlichen und geſelligen Verhältniſſen der Gegenwart zum Grunde liegen. Anderen wird hauptſächlich dies zum Anſtoß gereichen, daß ihre Schüler ſich mit der Er⸗ lernung des Lateiniſchen in unverhältnißmäßiger Ausdehnung abmühen ſollen, deſſen etwaiger Nutzen, der wenigſtens für einen großen Theil ihrer Schüler ſich nicht ableugnen läßt, ihnen mit der Hintanſetzung des neueren Sprachunterrichts zu theuer erkauft ſcheinen möchte. Und ſo laſſen ſich noch verſchiedene Einwürfe gegen die beabſichtigte Ineinsbildung zweier anſcheinend ſo auseinander laufender Bildungs⸗ wege denken.

Ohne indeſſen hier die im obigen erſten Abſchnitt aufgeſtellten Anforderungen an jeden höheren Schulunterricht wiederholen zu wollen, wird es in Beziehung auf den erſten Einwurf genügen darauf hinzuweiſen, wie ſehr es den Zwecken und Grundſätzen der Jugenderziehung widerſtreiten würde, der ganzen Bildung ihrem alleinigen Zwecke und Inhalte nach von vorn herein die Zurichtung für die mate⸗ riellen Geſchäfte und Arbeiten geben zu wollen, wie unerläßlich vielmehr ein vermittelnder Uebergang von der Elementarbildung zur eigentlichen Berufsbildung erſcheint, damit die allgemein menſchliche Bildung von der profeſſionellen nicht ver⸗ ſchüttet werde, ſondern beide feſt in einandergreifen und ſich gegenſeitig innig durch⸗ dringen. Die nach dieſer Vorbereitungsſtufe einem realiſtiſchen Berufe ſich hinge⸗ benden Schüler haben dann theils für die auf dem Realgymnaſium oder der Fachſchule zu erwerbende Wiſſenſchaftlichkeit, theils für die im Leben ſelbſt zu ge⸗ winnende praktiſche Tüchtigkeit eine allgemeine Geiſtesbildung erhalten, die der