Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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die ihr zukommende Geltung gewonnen und mit allen Gründen der Wiſſenſchaft verfochten und behauptet werde: aber ebenſo wohlgethan wird es ſein, im Kampf der Schulen das Intereſſe des bürgerlichen Lebens ſtets im Auge zu behalten und die Fäden nicht abhanden kommen zu laſſen, mit denen die eine wiſſenſchaftliche Richtung ebenſo wie die andere an das höchſte und letzte Intereſſe des Staates geknüpft iſt. Denn daß heut zu Tage eine gewiſſe Klaſſe von Bürgern ihre Bildung lediglich in gelehrten, eine andere Klaſſe dieſelbe in realiſtiſchen Anſtalten ſuchen zu muͤſſen glaubt, dieſe ſchon in das zarte Jugendalter zurückgreifende Spal⸗ tung der Nation hat ſicherlich nicht bloß ihre politiſchen, ſondern auch ihre päda⸗ gogiſchen Bedenken.

Dem Staate, der für die Ausbildung ſeiner Bürger mit Ernſt und Eifer Sorge trägt und zu dieſem Zwecke keine Opfer ſcheut, muß hinwiederum Alles daran liegen, daß die zur Pflege ſeiner höchſten Güter, der Wiſſenſchaft, der Kunſt, der Induſtrie, des Rechts und der Sittlichkeit berufenen Männer in den Haupt⸗ grundſätzen des Lebens übereinſtimmen, daß demnach das heranzubildende Geſchlecht ohne Ausnahme diejenige Intelligenz und Humanität gewinne, welche das Höchſte und Wichtigſte der Menſchheit und des Vaterlandes nicht nur zu erkennen und zu beurtheilen, ſondern auch zu wollen und zu beſchließen vermag. Wie iſt dieſe Uebereinſtimmung aber nur annähernd zu erreichen, wenn die Bildungswege des künftigen Induſtriellen und des künftigen Beamten ſchon von Anfang an ver⸗ ſchiedene ſind und ohne alle Berührungspunkte von Jahr zu Jahr mehr ausein⸗ ander laufen? Wie könnte ein ſolcher in das öffentliche Leben tief eindringender Riß irgend wieder ausgeglichen werden?

Aber zu dieſer gerechten Beſorgniß in Beziehung auf den Gemeinſinn und die Eintracht unter den verſchiedenen Klaſſen unſrer Staatsbürger geſellt ſich zugleich im Intereſſe der eignen Erziehung und Bildung des heranwachſenden Geſchlechts noch ein anderes, ſchweres Bedenken. Das Gymnaſium wie die Realſchule empfängt ſeine Zöglinge mit dem zehnten Lebensjahre. Jede Anſtalt hat ihren beſtimmten Lehrgang, ihre beſonderen Lehrmittel, ihr eigenthümliches Ziel. Kann man denn aber dem zarten Knaben ſchon vorausbeſtimmen, zu welcher von beiden Richtungen er wohl am meiſten Geſchick und Neigung verſpüren möchte? Hieße es nicht, der naturgemäßen Entwickelung des kindlichen Geiſtes gewaltthätig vorgreifen, wenn man ſchon in dieſem zarten Alter ihm den unabänderlichen Gang ſeiner Studien vorzeichnen wollte, die ſeiner Natur vielleicht von Jahr zu Jahr mehr zuwider werden? Welcher Vater, und wäre er der kenntnißreichſte, umſichtigſte Erzieher und der ſchärfſte Beobachter des kindlichen Geiſtes, möchte in dieſem Punkte ſich vor Mißgriffen ſicher geſtellt wähnen und die ſchwere Verantwortlichkeit auf ſich nehmen, ſein Kind möglicher Weiſe in einen falſchen Beruf hineingetrieben und damit zu einem verfehlten, unglücklichen Leben den Grund gelegt zu haben?