Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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Von dieſen Geſichtspunkten ausgehend erſtrebt die Realſchule, während ſie eine Rückſicht auf den ſpeciellen Beruf von ſich fern hält, eine wahre Gymnaſtik des Geiſtes, die den heranwachſenden Bürger befähigt, an allen wahren und echten Gütern des Lebens Theil zu nehmen; und wenn ihr Unterricht auch eine doppelte Richtung einſchließt, ſofern derſelbe die Verbindung zwiſchen Wiſſen und Können, zwiſchen Wiſſenſchaft und Kunſt herzuſtellen hat, ſo darf darum ihr Standpunkt im Allgemeinen nie unter den des Gymnaſiums herabſinken. Entwickelung aller menſchlichen Anlagen und Kräfte muß unverrückt ihr Ziel bleiben; dann wird ihr das Uebrige ſchon zufallen; denn die Erkenntniß aller Verhältniſſe der Gegenwart erzeugt auch den praktiſchen Sinn, deſſen ihre Zöglinge in ihren künftigen Berufs⸗ arten vorzugsweiſe bedürfen, und die Bildung aller geiſtigen Kräfte führt ebenſo von ſelbſt zum Können und zur Geſchicklichkeit.

III. Annähernde Vermittelung der Gegenſätze.

Wer heut zu Tage in dem pädagogiſchen Wettkampf zwiſchen den humani⸗ ſtiſchen und realiſtiſchen Beſtrebungen im wohlmeinenden Intereſſe beider Parteien den Verſuch einer friedlichen Beilegung ihrer Fehde oder gar einer gründlichen Ver⸗ ſöhnung derſelben bewerkſtelligen wollte, deſſen Beginnen möchte leicht als ein vergebliches, wenn nicht gar als ein überflüſſiges erſcheinen. Auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft müßte dies auch entſchieden zugegeben werden; wo die eine, die reine Wahrheit zu Tage treten ſoll, da gilt es, die einmal eingeſchlagenen Wege, und wären es die entgegengeſetzteſten, mit ſtrenger Konſequenz zu verfolgen. Wo es ſich aber, wie bei den Angelegenheiten des öffentlichen Unterrichts, um eine Ein⸗ führung und Verwirklichung gewonnener Ueberzeugung ins Leben, in beſtimmte menſchliche und bürgerliche Verhältniſſe hinein handelt, da tritt neben das wiſſen⸗ ſchaftliche Intereſſe der Sache mit gleicher Berechtigung unmittelbar die praktiſche Seite, und hierdurch iſt es ſchon mehr als einmal geſchehen, daß die beſten Ge⸗ danken, die durchdachteſten Plane, die der Theorie nach unumſtößlichſten und herr⸗ lichſten Anſichten bei ihrer Einführung ins Leben ſich als eitel, unausführbar oder zweckwidrig herausgeſtellt haben. Es iſt gewiß wünſchenswerth, daß die Aufgabe der gymnaſialen und realen Schulbildung von allen Seiten beleuchtet und für jede