Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
Einzelbild herunterladen

welches der Knabe auch das Fremdartigſte ſich anzucignen vermag und das aus jedem auch noch ſo fremdartigen Lehrſtoff auch ſeiner Seits wieder friſche Nahrung zieht.

Aber nicht die Sprache allein iſt es, die den Mittelpunkt der Bildung unſeres deutſchen Mittelſtandes abzugeben verdient; es tritt die Nationalliteratur und zumal die nationale Geſchichte hinzu, bei deren Behandlung auch deutſche Kunſt und deutſche Alterthümer die gebührende Berückſichtigung zu erwarten haben, um in und mit dieſem Allen das erwachende Nationalbewußtſein unſrer Nation zu kräftigen und gegen den Einfluß fremdländiſcher Elemente ein heilſames Gegengewicht zu bilden. Wo die Realſchule ihre zeitgemäße Beſtimmung in ihrer ganzen Schönheit und Großartigket erkannt hat, da wird und muß ſie das nationale Element ihrer Bildungsmittel zum Centralpunkt ihrer geſammten Wirkſamkeit erheben, da wird und muß ſie, ein je entſchiedenerer Einfluß auf die Entwickelung des Charakters und auf die Veredlung des Herzens gerade den Sprachen zukommt, deſto unbe⸗ dingter auch die Leiſtungen im Gebiete der Mutterſprache als den Kern der erwor⸗ benen Kenntniſſe und Fertigkeiten, als den Abdruck der ganzen inneren Bildung anerkennen und feſthalten. Mit beſtändiger Beziehung auf dieſen Mittelpunkt werden dann auch die übrigen Thätigkeiten der Realſchule leicht in das richtige Verhältniß unter einander und zu dem Ganzen treten. Sie wird ihre Zöglinge befähigen, die rohe Natur, die Materie nicht durch äußerliche, erlernte Kunſtgriffe, ſondern durch eine bewußte und verſtändige Anwendung ihrer eignen Geſetze zu behandeln, zu bewältigen und dem Geiſte dienſtbar zu machen. Da aber das Erkennen dieſer Geſetze nur durch das Denken zu erreichen ſteht, ſo wird der in der Realſchule Gebildete eine denkende Behandlung der natürlichen Kräfte zu ſeiner Lebens⸗ thätigkeit machen; und es wird ſomit ein wichtiger Theil der Bürgerſchaft des Staates der gedankenloſen Arbeit für den Erwerb, der recht eigentlich materialen, der Menſchennatur unwürdigen Arbeit überhoben und auf einen höheren Standpunkt der Bildung und geiſtigen Selbſtſtändigkeit gebracht. Der Handwerker, der ſich innerhalb der engen Grenzen hergebrachter Formen und ererbter Erfahrungen gedan⸗ kenlos und knechtiſch bewegte, wird dann aus der Geſellſchaft allmählich verſchwinden und der denkende Induſtrielle an ſeine Stelle treten, der ſeiner Zwecke und ihrer Mittel dazu ſich bewußt Stoff und Form beherrſcht und ſein Gewerbe zu einem Quell und Gefäße der geiſtigen Kultur geſtaltet. Bei ihm treten fortgeſetzte wiſſenſchaftliche Forſchung und Beobachtung in ſtete Beziehung zu prakti⸗ ſcher Anwendung, und unter dieſer Wechſelwirkung erweitert er mit jedem Tage das Gebiet ſeines Wiſſens, die Grenzen ſeines Wirkens, ſeine Berechtigung zu höherer Geltung im Staate, und er hilft durch das Anregende ſeines Beiſpiels den geiſtigen Horizont der Menſchheit erweitern, bilft fördern die ſchönſten Zwecke der Humanität.

2*