Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

in der Auswahl und Behandlung ihrer Lehrgegenſtände die eigentliche Beſtimmung des höheren Schulunterrichtes: Menſchenbildung im vollſten und edelſten Sinne des Wortes, mehr oder weniger aus den Augen zu verlieren und eine Fachbildung an deren Stelle zu ſetzen. Wieweit jedoch auch einzelne Anſtalten bei der Unent⸗ ſchiedenheit ihrer Stellung und dem auf- und abwogenden Kampf der Meinungen nach dieſer Seite hin abgeirrt ſein mögen: ſoviel ſtellt ſich doch immer deutlicher und entſchiedener als die Meinung der Urtheilsfähigen heraus, daß die Real⸗ ſchule zwar für jene einzelnen Berufsarten vorbereiten, nicht aber den Schlußſtein der Bildung dazu liefern ſolle. Während es die Sache der ſpeciellen Fachſchule bleiben muß, Techniker, Fabrikanten u. ſ. w. auszubilden, hat die Realſchule nur die praktiſche Richtung zu berühren, jede Neigung, jedes Talent anzuregen und ihm den Weg zu zeigen, den dasſelbe in Zukunft einzuſchlagen hat.

Und an geeigneten Bildungsmitteln kann es zu dieſem Zweck der Schule nicht fehlen; Mathematik, Naturwiſſenſchaft und neuere Sprachen bieten des Stoffs die Fülle; nur muß die Maſſe des Wiſſenswürdigen, welche Himmel und Erde, Natur und Menſchenleben darbieten, zu einem organiſchen Ganzen ver⸗ ſchmolzen werden, welches hinreichend bildende Kraft beſitzt.

Da war es denn bei der Mannichfaltigkeit der Anſprüche, die von Seiten des Publikums an dieſe Anſtalten geſtellt wurden, in der That keine kleine Aufgabe, allen zu genügen und in dem Schwanken und Hinneigen nach den immer geſtei⸗ gerten Zeitbedürfniſſen den eignen Schwerpunkt nicht zu verlieren. Und wenn man noch einig geweſen wäre in der Hauptfrage, wo denn eigentlich, in welchem Lehr⸗ gegenſtand, die Baſis der neuen Anſtalten zu ſuchen ſei! Aber gerade hierüber waren die Meinungen ſo getheilt, als möglich. Denn während gewichtige Stimmen dieſelbe in die Mathematik verlegten und in deren gründlicher und umfaſſender Betreibung das höchſte Ziel zu erreichen vermeinten, hoben andere dafür die Na⸗ turwiſſenſchaften hervor und ſuchten dieſe ſowohl wegen ihrer formalen als materialen Bildungselemente als den weſentlichſten Lehrgegenſtand der Realſchule nachzuweiſen; noch andere gedachten das Rechte getroffen zu haben, wenn ſie dem ſprachlichen Elemente das Uebergewicht zulegten, wobei denn etliche das Latei⸗ niſche als altbewährtes Bildungsmittel, und wieder etliche das Franzöſiſche als das verknüpfende Band im Verkehr der modernen Völker glaubten voranſtellen zu müſſen. Wer aber in der Peripherie ſucht, wird den gewünſchten Mittelpunkt ſicher verfehlen, den Mittelpunkt, der im Realſchulunterrichte, wenn nicht Alles trügt, gewiß nirgends anders zu finden iſt, als in der Mutterſprache mit allem, was darin und darum und daran iſt. Die Mutterſprache allein iſt der Zauberſchlüſſel, mit dem der Lehrer die Pforten des Verſtändniſſes öffnet, daß die Schätze des Wiſſens und des Könnens zu Tage treten; ſie iſt das natürliche Mittel, durch