Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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der Römer anerkennen müſſen, wie geeignet iſt ſie nicht eben durch dieſe einfache Ordnung, Abgemeſſenheit und ſtrenge Geſetzmäßigkeit ihres Baues, eine treffliche Zucht des Geiſtes, beſonders des jugendlichen zu werden, der durch Aneignung dieſer Geiſtesform für ſeine intellectuelle, ja ſelbſt für die moraliſche Bildung einen reichen Gewinn davon tragen muß. In der That! Geſchmack und Geſinnung der Menſchen müßten ſich ſehr ändern, wenn der zu den fähigen und wißbegierigen Köpfen ge⸗ zählt werden könnte, welcher verſchmähte, ſich mit ſolchen Völkern näher und aus ihren Schriften ſelbſt vertraut zu machen. Das ſteht aber ſo bald noch nicht zu fürchten; vielmehr zeigt jede neue Erwägung dieſes Punktes und jedes neue Project einer Radicalreform unſerer höheren Schulen, die mit aller höheren Bildung natür⸗ lich immer in Beziehung ſtehen ſollen, durch neue Unzweckmäßigkeiten, daß die klaſſiſche Bildung ein bleibender Beſtandtheil der allgemeinen und gelehrten ſein muß, der durch nichts ganz erſetzt werden könnte, ohne den das Ganze immer einſeitig, ſchwankend und undauerhaft erſcheint.

2. Neben dem altberkömmlichen Bildungswege durchs Gymnaſium hat nun unſere Zeit noch einen zweiten entſtehen ſehen oder vielmehr ſelbſt ins Leben gerufen, nämlich den, der in Realanſtalten von verſchiedenem Namen und Umfang ſeine Befriedigung ſucht und findet. Wir haben des Umſchwungs aller Verhältniſſe, dem dieſelben ihren Urſprung verdanken, ſchon im Eingang gedacht. Einerſeits die groß⸗ artige Ausbildung der Mechanik und Chemie, überhaupt der Naturwiſſenſchaften, wodurch tauſend neue Kräfte und Mittel der Produktion, deren Beherrſchung und Benutzung jedoch höhere Intelligenz erfordert, in die Gewalt des Menſchen ge⸗ kommen ſind, andrer Seits das Syſtem freier Concurrenz in dem Gewerbleben, die Stiftung des deutſchen Zollvereins, jene folgenreichſte That unſrer neueren Geſchichte, die innigere Berührung der civiliſirten Nationen, überhaupt die erſtaunliche Steige rung des Verkehrs dies alles waren zuſammentreffende, bedeutungsvolle Bege⸗ benheiten, welche eine höhere Bildung des Bürgerſtandes, zumal der induſtriellen Klaſſe, gebieteriſch verlangten. Bei der Anlage und inneren Einrichtung der neuen Bildungsanſtalten nun, die dieſen Zeitbedürfniſſen die entſprechende Befriedigung gewähren ſollten, machte ſich von vorn herein die Nothwendigkeit geltend, auf die künftige Berufsgattung der ihnen anvertrauten Schüler eine vorwaltende Rück⸗ ſicht zu nehmen. Die Realſchulen wie man dieſe Anſtalten mit einem freilich ſchlecht genug bezeichnenden Namen nun einmal zu nennen pflegt ſollten eine Bildungsſtätte ſein für junge Leute, die ſich der Oekonomie, dem Militär, dem Baufach, dem Forſt⸗ und Bergweſen widmen oder ſich als Feldmeſſer, Techniker, Kaufleute vorbilden oder zum Rechnungsweſen die nöthigen Vorkenntniſſe erwerben wollten. Bei dieſer umfaſſenden Aufgabe lag für die neuen Anſtalten die Gefahr nahe, durch allzu vorwaltende Berückſichtigung des künftigen Berufs ihrer Schüler

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