Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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S

noch gewaltiger auf die Köpfe wirkt, ſind Mißverrſtändniſſe kaum zu vermeiden gewiß iſt, daß alles, was man von Zweifel und Widerſpruch gegen die klaſſiſchen Studien und zumal gegen das philologiſche Element unſeres Gymnaſialunterrichts vorgebracht hat, hauptſächlich nur deſſen cinſeitige Bevorzugung auf Unkoſten anderer Bildungsſtoffe treffen konnte.

Nun geſellt ſich aber zu dem Klaſſiſchen, als dem einen Elemente aller höheren Bildung, das andere, welches wir als das Nationale im engeren Sinne bezeichnen können, und worunter wir mit der vaterländiſchen Sprache, Literatur und Geſchichte alles dasjenige verbinden, was die Nation aus der modernen Wiſſen⸗ ſchaft, Poeſie und Literatur überhaupt ſich angeeignet und ſelbſt entwickelt hat. Dieſe beiden Bildungselemente, die ſich jenem dritten, dem chriſtlich⸗religiöſen, nothwendig beigeſellen, rechtfertigen vollkommen den der Gymnaſialbildung vorzugs⸗ weiſe gebührenden alten Namen der humaniſtiſchen Studien, wie denn darüber, daß dieſelbige auf dem in einander greifenden Verhältniß jener drei Bildungsobjecte, des chriſtlichen, philologiſchen und nationalen oder neuzeitigen beruhe, Alle einver⸗ ſtanden ſind. Ueber Maß und Umfang eines jeden können, nach der Verſchiedenheit der Schulen, allgemein gültige Grenzen nicht geſteckt werden; aber über das Grund⸗ verhältniß ſelbſt, ob die Baſis des Gymnaſialunterrichts philologiſch ſein und ob die Alten auch künftig unter allen den täglich ſich mehrenden Gegenſtänden der hiſtoriſchen Kenntniß unſre Vorbilder bleiben ſollen, darüber dürfte kein Streit mehr geführt werden.

Die griechiſche Sprache hat unſtreitig die höchſte Vollendung des Baues erreicht unter allen, wie auch der, welcher die meiſten ergründet und verglichen hat, W. von Humboldt, bezeugt, und worin ihre und der lateiniſchen Sprache Vorzüge und das Erweckliche und Bildſame des Unterrichts in ihnen liege, iſt Niemanden mehr unbekannt. Die Geſchichte dieſer Völker iſt reicher an dem, was die Jugend, was allgemein den Menſchen anziehen und belehren kann, als irgend eine, und bildet zugleich in gewiſſem Sinne den Mittelpunkt des hiſtoriſchen Wiſſens überhaupt. Die griechiſche Literatur iſt einzig in der Weltgeſchichte durch den Organismus, womit ſie ſich als ein naturgemäßes, in allen Theilen vollſtändig entwickeltes Ganzes, in und aus ſich ſelbſt erwachſen darſtellt; über ihre Dichter geben die größten Dichter aller Zeiten Zeugniß, über ihre Redner und Geſchichtſchreiber vornehmlich die großen Staatsmänner des engliſchen Parlaments. Allein durch die Griechen wurde, um Niebuhrs Worte zu wählen, das Schöne in bildender Kunſt dem Menſchengeſchlechte offenbart. Durch die griechiſche Bildung wurde die Aufnahme des Chriſtenthums, das ſie durch die Milde der Sitten vorbereitet hatten, im nächſten Kreiſe der Völker vermittelt. Die Sprache Roms trug es dann weiter hin, von deſſen Imperatorenherrſchaft noch die Kraft nachgewirkt hat, ein Weltreich der Kirche zu gründen. Und eben dieſe Sprache Roms, die in ihrem Bau vollkommen die Einfachheit und ſtrenge Beſtimmtheit aufzeigt, die wir als nationalen Charakter