Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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die Vorbildung für die Stände gewähren, welche den Menſchen zu behandeln haben. Somit wird in der Realſchule die Naturwiſſenſchaft in ihrem reinen, wie in ihrem angewandten Theile mit größerer Wichtigkeit hervortreten, in der gelehrten Schule die menſchliche, d. h. die Sprachwiſſenſchaft; die göttliche Wiſſenſchaft aber wird in beiden gleiche Wichtigkeit behaupten müſſen. Wir wollen jeden von beiden Wegen etwas genauer ins Auge faſſen.

1) Das Gymnaſium hat direkt mit dem künftigen Berufe nichts zu ſchaffen; es iſt vielmehr die Vorſchule zur Wiſſenſchaft ſelbſt; es zeigt das wirkliche Leben im Spiegel des poetiſchen Bildes, der Idee, der Geſchichte; ſeine Vorübung bewegt ſich in bezugloſen Formen, deren Inhalt lebensvolle Geſtalten ſind, an denen die jugendlichen Gemüther emporrankend für das wirkliche Leben vorbereitet und gerüſtet werden. Nun ruhet Alles, was iſt, auf dem, was war; alle Gegen⸗ wart iſt ſtets eine Summe des Vergangenen, aus deſſen Werkſtoffen der Neubau des Geiſtes aufzuführen iſt. Unter dieſen Werkſtoffen der Vorzeit iſt aber eigentlicher Grund- und Eckſtein das klaſſiſche Alterthum. In den alten langen Streitig⸗ keiten über den Werth jener klaſſiſchen Literatur an und für ſich und als Grund⸗ lage unſrer modernen Kultur insbeſondere, hat ſich mit einer größeren Klarheit als je herausgeſtellt, was und wicviel wir von den Griechen allein oder am beſten zu lernen haben, worin ſie unübertroffen ſind und ſein werden. Wenn Klopſtock als Greis ſagte:Die Alten waren und ſind meine Lehrer und Leſſing:Betritt der Alten ſichre Wege, ſo iſt dieſe ewige Muͤſtergültigkeit erſt durch die That in Göthe zur vollen Wahrheit geworden, der aus ſeiner echt deutſchen Natur und aus allen Quellen neuerer wie alter Weisheit und Dichtung den Gehalt in ſeinem Buſen geſchöpft, die Form in ſeinem Geiſt aber den Alten abgeſehen hat. Unſer Volksſtamm zeigt überhaupt durch die Sprache, durch geſellſchaftliche Ordnungen, durch Naturgefühl, poectiſche und ſpeculative Anlage eine beſonders enge Verwandt⸗ ſchaft mit dem der Hellenen. Wenn nun wirklich unter einem ſolchen Volke und in einem jugendlichen Weltalter des Menſchen Geiſt und des Menſchen Hand Werke hervorgebracht hat, die gleich den Wundern und den Lieblichkeiten der Natur Empfindung und Nachdenken wecken und einen größeren Maßſtab des in ſich Vollen⸗ deten geben, als irgend andere, ſo gehören ſie aller Welt an, die ſie faſſen mag, näher noch dem ſprachverwandteſten Volke. Wer dies verkennen und jene Vor⸗ bilder von unſrer Bildung fern halten wollte, würde ebenſo weiſe handeln, als wenn er ſich vornähme, der großen Erfindungen der Urzeiten, von der Buchſtaben⸗ ſchrift oder der Stählung des Eiſens an, ſich zu enthalten. Mag auch die Meinung der Welt über die Bedeutung der klaſſiſchen Studien ſich anders geſtaltet haben und in einer Zeit, worin ſo Mannichfaltiges und Großes geſchieht und ſich vorbereitet und, weil die Völker einander ſoviel näher gerückt ſind, die Bewegung