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Beruf mögen ſie allerdings mehr leiſten und geſchickter dazu machen; aber dabei muß ſicher die allgemeine Vorbildung gar ſehr leiden und es wäre durch eine ſolche Einrichtung am Ende vielleicht weniger eine wahre Bildung, als eine Art Abrich⸗ tung erreicht. Außerdem zeigt die Erfahrung, daß derjenige, welcher nur mit Leuten eines Standes zuſammen iſt, nicht dazu kommt, über den beſchränkten Stand⸗ punkt dieſes Standes hinauszuſehen; er wird alſo beinahe nothwendig einſeitig, vorurtheilsvoll und eingebildet werden. Nur dadurch, daß diejenigen, welche in derſelben Bildungsſphäre ſtehen, einen allgemeinen Ueberblick über alle betreffenden Bildungsmittel gewonnen haben, werden ſie auch für ihren beſondern Beruf die rechte Einſicht und Umſicht beſitzen. Jede Sonderung für eine beſondere Berufs⸗ bildung erweckt einen dünkelhaften Kaſtengeiſt, welcher früher oder ſpäter dem Staate Gefahr drohen muß, und es ſollte darum der Staat um keinen Preis dulden, daß ſchon in die Bildung der Jugend zurück dieſer Ständeunterſchied griffe, viel— mehr feſt darauf halten, daß die edelſten menſchlichen Güter allen denen, die nicht der Noth dienen müſſen, in gleicher Weiſe gewahrt würden. Je ſpäter die Sonderung nach Berufrarten eintritt, deſto beſſer; nur unter dieſer Bedingung darf man erwarten, daß alle auf gleicher Stufe der Bildung ſtehenden Glieder des Volkes, durch eine Einheit in den höchſten Intereſſen der Menſchheit gebunden, ſich gegenſeitig als gleich nothwendige und gleich berechtigte Glieder eines großen ſchönen Ganzen zu ſchätzen verſtehen.
Was aber ferner den Bildungsſtoff anlangt, mit welchem die Schule dieſen Zweck zu erreichen ſtrebt, ſo mag derſelbe immerhin mit gewiſſer Rückſicht auf den ſpäteren Beruf gewählt werden; nur daß alle Schulanſtalten dem einen gleichen Zweck einer chriſtlichen, freien Menſchenbildung dienen. Müſſen wir nun hier die Frage aufnehmen, welche Kreiſe der Erkenntniß die allgemeine Bildung umfaßt, ſo können wir von den drei Kreiſen menſchlicher Erkenntniß: Gott, Natur, Menſchheit, keinen von ihr ausſchließen. Der gebildete Menſch verlangt in allen heimiſch zu werden; denn vermöge ſeiner Natur gehört er allen an. In ſeinem menſchlichen Weſen berühren ſich Natur und Gottheit; er hängt an tauſend Fäden mit der Natur zuſammen, wächſt aus ihr heraus und zu Gott hinan; zum Ziel ſeines Wirkens iſt ihm das göttliche Leben, zu Gegenſtänden, woran es ſich äußert, die Menſchheit und die Natur gegeben. Jeder dieſer drei Kreiſe menſchlicher Er⸗ kenntniß bietet aber für ſich der Schule eine doppelte Seite zur Auffaſſung dar, eine rein wiſſenſchaftliche und eine poſitive oder praktiſche. Gott und das göttliche Leben wird für die Stufe des höheren Schulunterrichtes rein erfaßt und dargelegt in der Glaubens⸗- und Sittenlehre, die von poſitiver Seite ihre Ergänzung findet in der Geſchichte der Religionen, verbunden mit der Kenntniß der heiligen Schriften als der Urkunden des göttlichen Reiches.— Das geiſtig menſchliche Leben wird für dieſe Stufe rein erfaßt in dem Studium der Sprachen, in ſeiner äußerlichen poſitiven Geſtaltung aber durch die Geſchichte und die politiſche


