Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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muß die Schule mit dem wirklichen Leben vermitteln, die Befreiung des Geiſtes, die Erhebung deesſlben zu ſeiner angebornen Herrſchaft im Leben erwirken, mithin überall erziehende Elemente in ſich aufnehmen. Denn wie möchte die Förderung der geiſtigen Entwickelung bei der beſten Unterrichtsmethode und den beſten Anlagen der Schüler ohne moraliſche Grundlage irgend welche Frucht zu bringen im Stande ſein? Daraus ſcheinen ſich nun für die Schule zwei Hauptgeſetze zu ergeben: fürs Erſte, daß die allgemein menſchliche Bildung Hauptzweck der Schule bleiben muß; ſodann, daß der Bildungsſtoff durchaus geeignet und vorzugsweiſe darauf berechnet ſein muß, die harmoniſche Entfaltung des menſchlichen Geiſtes und ſeine Heiligung zu befördern.

Freilich iſt es eine traurige Wahrheit, daß Noth und Bedürfniß die große Maſſe des Volkes immerhin zwingen werden, die allgemein menſchliche Bildung abzuſchließen, bevor noch der Menſch erwachſen, das geiſtige Leben völlig erwacht und erzogen iſt. Aber ſoviel iſt ausgemacht, daß überall, wo man auf wahre und tüchtige Ausbildung des Menſchen Werth legte, dieſe nicht mit den Knaben⸗ jahren geſchloſſen wurde; daß die bedeutenderen Staaten des Alterthums, obwohl ihnen der Menſch als Einzelweſen nicht ſoviel galt, als er dem chriſtlichen Staate gelten muß, ihren Bürgern eine Erziehung zu ſichern ſuchten, welche dem Menſchen echten Werth zu verleihen fähig wäre; daß die geiſtige und körperliche Ausbildung, welche der Knabe und Jüngling durch Muſik und Gymnaſtik erhielt, nicht auf das praktiſche Bedürfniß, auf den künftigen Beruf, ſondern auf die Ausbildung des Menſchen berechnet war. Sieht man nun, wie in unſern Tagen jener allge⸗ mein menſchlichen Bildung von der großen Maſſe der gebildeten Stände an ſich ſo wenig Werth beigelegt wird, wie die einen nur darum ſie ihren Söhnen zu ver⸗ ſchaffen trachten, weil ſie die Bedingung zu den Berufsſtudien und zu höheren öffentlichen Aemtern iſt; wie die andern ihre Söhne nicht frühe genug ins Geſchäft verwenden können, wie ſie die allgemeine Bildung da abbrechen, wo ſie gerade am belebendſten eingreifen könnte, wie ſie den jugendlichen Geiſt um ſeine ſchönſte und freieſte Entfaltung betrügen und in den geringfügigen Kleinigkeiten des Geſchäfts frühzeitig jede höhere Richtung des Geiſtes erſticken: dann mag wohl manchem um die Zukunft eines Geſchlechtes bange werden, das unter ſolchen Geſinnungen heran⸗ wächſt und von Jugend an gewöhnt wird, das materielle Intereſſe als das Ziel ſeines Lebens zu verfolgen.

Sind es nun allerdings auch nur gewiſſe Klaſſen der Geſellſchaft, denen die Noth und die Sorge um die irdiſche Exiſtenz das koſtbare Gut einer edel⸗ menſchlichen Bildung verſchließt oder verkümmert, ſo ſollte doch allen, die über die Noth erhoben ſind oder die ſich durch rühmliches Streben über ſie zu erheben wiſſen, die eine, des freien Menſchen würdige Bildung geſichert werden. Berufs⸗ ſchulen, ſo viele und ſo mannichfaltige auch unſre Zeit hat entſtehen ſehen, können dieſe Art von Bildung nicht gewähren und ſollen es auch nicht; für den beſtimmten