Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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Bildungsanſtalten in gleichem Maße ſich ſteigern, und es haben dieſelben der Schule, welche die Keime des geiſtigen Lebens zur Blüthe und Reife vorzubereiten den Beruf hat, die unerläßliche Pflicht auferlegt, nicht bloß dem Entwicklungsgange der Menſchheit allmählich zu folgen, nicht bloß dem äußeren Drange nach Verbeſſe⸗ rungen nachzugeben, ſondern vielmehr ſelbſtbeſtimmend eine ſolche Organiſation vorzunehmen, durch die ebenſoſehr eine naturgemäße geiſtige Entwickelung, als eine Befriedigung fürs Leben erzielt werde.

Es ſoll demnach der Gegenſtand der nachfolgenden Erörterung ſein, die leitenden Grundſätze feſtzuſtellen, auf die es bei der Löſung dieſer inhaltſchweren und folgenreichen Aufgabe hauptſächlich anzukommen ſcheint. Wir wollen verſuchen, unſer Ziel von drei Geſichtspunkten aus ins Auge zu faſſen und ſtellen zunächſt die Frage nach der Beſtimmung des höheren Schulunterrichtes überhaupt, be⸗ ſchreiben dann die in unſerer Zeit neben einander getretenen beiden Bildungs⸗ wege und verſuchen zum Schluß eine im wohlverſtandenen Intereſſe der Sache gebotene Vermittelung der ſtreitenden Gegenſätze. Vielleicht, daß dieſe anſpruch⸗ loſen Bemerkungen jenem ehrenwerthen Theil unſerer Mitbürger, die ohne Gelehrte von Fach zu ſein, doch der Geſtaltung des Schulweſens eine ſo allgemeine und ſo erfreuliche Theilnahme zuzuwenden pflegen, zu einiger Verſtändigung und Beruhi⸗ gung gereichen mögen.

I. Beſtimmung des höheren Schulunterrichtes überhaupt.

Menſchenbildung iſt der leitende Gedanke, der höchſte Zweck der Schule. An einem zweckmäßig gewählten Seoffe ſoll ſie die verſchiedenen geiſtigen Anlagen des Menſchen im Hinblick auf eine letzte Beſtimmung desſelben zu wirklichen, thätigen Kräften entwickeln, in jenem Stoffe dem Geiſt einen des Menſchen würdigen Inhalt geben, die natürlich hervortretenden Seiten des geiſtigen Lebens durch Har⸗ monie unter einander zum ſchönen Leben vollenden, endlich den Menſchen durch die Richtung auf ein unendliches Ziel heiligen. Soll aber die Schule ihrem hohen Zwecke entſprechen, ſo muß ſie nicht bloß eine Werkſtätte des Geiſtes ſein, ſondern auch, und ganz beſonders, eine Pflanzſtätte der Sittlichkeit. Sie kann ihre Auf⸗ gabe nicht darin finden, nur eine gewiſſe Summe von Kenntniſſen mitzutheilen; vielmehr iſt aller Unterricht nur als ein Theil der Erziehung anzuſehen und er

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