Aufsatz 
Die beiden Bildungswege unserer Zeit, und ihre Vermittelung / von Dr. Rossel, Conrector
Entstehung
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Verlangen der nicht⸗wiſſenſchaftlich gebildeten Menſchen, daß die Wiſſenſchaft mit ihren bereits gewonnenen Reſultaten nicht mehr bloß in ſich verharre, ſondern auch herzutrete zum Leben, zur Gegenwart, und dieſe durchdringe, hebe und ver⸗ vollkommne? In der That, wer dieſe Wünſche, daß die bisherigen theoretiſchen Studien mehr der Praxis Vorſchub leiſten möchten, für unbegründet erachten wollte, der müßte ganz überſehen, in wie vielen Stücken bereits die Wiſſenſchaft dem Leben entlaufen iſt und welche Kluft zwiſchen beiden noch ſo vielfältig ſtatt findet; der müßte gar nicht merken wollen, wie manche Gegenſtände des Wiſſens und Forſchens noch immer von den höher denkenden Menſchen vernachläſſigt und unberückſichtigt geblieben ſind, gleich als ob ſie, als dem materiellen Leben dienend, der philoſophiſchen Betrachtung für unwürdig erachtet werden müßten. Doch werden ſolche Anſichten zum Glück immer ſeltener; denn man ſieht ein, daß die Wiſſenſchaft ins Leben übergehen müſſe, daß ihr nur inſofern Geltung zukomme, als ihre Forſchungen ein Gemeingut der Menſchheit werden und zur Veredlung derſelben das ihrige beitragen. Von dieſer Anſicht werden ſelbſt die eigentlichen Gelehrten und Pfleger der Wiſſenſchaften mehr und mehr durchdrungen und ſelbſt der Nicht⸗ gelehrte iſt heut zu Tage gebildet genug, um die Mängel der Gegenwart einzuſehen und auf ihre Abſtellung zu dringen. Anſtatt daher jenem ehrenwerthen und gewiß dereinſt ſegensreichen Streben entgegen treten und Einhalt thun zu wollen, iſt es vielmehr Pflicht der Gelehrten und der Männer der Viſſenſchaft, hier bereitwillig entgegen zu kommen und dem Verlangen der Gegenwart nach Möglichkeit zu genügen. Wie ſehr dies auch bereits anerkannt und empfunden wird, beweiſt jenes in den literariſchen Erzeugniſſen der Neuzeit immer allgemeiner hervortretende Be⸗ ſtreben der Schriftſteller, die Ergebniſſe der wiſſenſchaftlichen Forſchungen zu popu⸗ lariſiren und ſich mit den Gebildeten des Volks in engere Beziehung zu ſetzen. Und das mit vollem Recht! Denn was iſt der hohe Aufſchwung der Induſtrie in unſern Tagen anders, als die Folge und Frucht einmal der Wiſſenſchaft, welche früher verhüllte Kräfte der Natur beleuchtet, und dann eines geſundern moraliſchen Zu⸗ ſtandes der Geſellſchaft, bei dem das Princip des Fleißes ſeine ganze Energie zu äußern vermag. Darum begrüßt der denkende Menſch jene Richtung geiſtiger Kraft auf materielle Dinge und Intereſſen, jene Ausbreitung praktiſcher Wiſſenſchaften und jene faſt wunderbaren Fortſchritte der Technik als ebenſoviele Siege des Geiſtes über die rohe Naturkraft.

Bei dieſen gewaltigen Bewegungen im Reiche der Geiſter, nachdem die Wiſſenſchaft ſich unendlich erweitert und vertieft und nachdem das praktiſche Leben intellektuelle Bedürfniſſe entwickelt hatte, welche vergangenen Jahrhunderten fremd geblieben waren, konnte es nicht fehlen, daß auch die naturgemäße Vermittlerin zwiſchen Wiſſenſchaft und Leben, die Schule, mit in den Kampf der Meinungen hereingezogen und ſo recht zum Tummelplatz der Parteien auserſehen wurde. Denn mit dem Aufſchwung der Ideen mußten naturgemäß auch die Anforderungen an die