Aufsatz 
Beiträge zur Geschichte und Kritik der Alexandersage. Auszug aus der syrischen Übersetzung des Pseudokallisthenes mit Beziehung auf den Text der griechischen Codices, sowie der lateinischen und armenischen Versionen : 1. Teil
Entstehung
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das Verhältnis des macedoniſchen Königs zum libyſchen Ammon und zur Hauptſtadt des Ptolemäerreichs betrafen, hat der Ver⸗ faſſer des Buchs die Thatſachen der Geſchichte in der freieſten Weiſe umgeſtaltet und den großen Eroberer aus patriotiſcher Eitelkeit zu einem egyptiſchen Nationalhelden gemacht. Jüngere griechiſche Bearbeiter dieſes Romans haben wiederum, andern religiöſen Anſchauungen und volksthümlichen Bedürfniſſen Rech⸗ nung tragend, von dem Ihrigen hinzugefügt ¹), und nach der Verpflanzung der Sage auf fremdländiſchen Boden hat vollends eine ſolche Menge wunderſamer Dichtungen an den urſprünglichen Stamm ſich angeſetzt, daß es oft ſchwer hält, aus all den ſpäte⸗ ren Umbildungen, Nachbildungen und Renſchöpfungen die alte Ueberlieferung rein herauszuſchälen.

Das Buch des Pſeudokalliſthenes, deſſen älteſte Aufzeichnung man in das 2. Jahrh. n. Ch. verlegen mag, wurde früh, etwa im 4. Jahrhundert, von einem nur dem Namen nach bekannten Autor Julius Valerius ins Lateiniſche überſetzt unter dem Titel: Julii Valerii res gestae Alexandri Macedonis. Etwas ſpäter, vielleicht im 5. Jahrhundert, entſtand eine armeniſche Ueber⸗ ſetzung ²) und mindeſtens gleichzeitig mit ihr eine ſyriſche, beide von unbekannten Verfaſſern). Die lateiniſche Verſion wurde,

¹) So die Verfaſſer der mit B u. C bezeichneten griechiſchen Codices, die Juden geweſen ſein müſſen. Mit Weismann(l, XIII) außer dem ein⸗ geſchobenen Werk des Palladius(c. 400) über Indien und die Brahmanen, (Ps. Kall. III, 7 16), auch die Parthie des Romans, die von der Un⸗ terwerfung der Römer durch Alexander handelt, für byzantiniſchen Urſprungs zu erklären, iſt gewagt, da gerade dieſe Stelle(Ps. Kall. I, 29), nach der Beſchaffenheit der Textüberlieferung zu ſchließen, der älteſten Recenſion an⸗ gehört haben muß.

²) Die Mechitariſten des St. Lazaruskloſters zu Venedig ſind geneigt, ſie einem ihrer Klaſſiker, dem armeniſchen Hiſtoriker Moſes von Chorene (V. Jahrh.) zuzuſchreiben, doch ohne zwingenden Grund, vgl. Mos. Choren. Hist. Armen, I, 20. 1 ²) Die Vermuthung Zachers(Pſeudok. 192), daß ſie auch ins V. Jahrh. falle, in Fens Zeit, wo unter der Pflege der Neſtorianer die ſyriſche Litera⸗

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