— 16— Geſchichte des beſonderen Wohnortes, in der Schule habe ich meine Anſicht früher*) geäußert; ſie iſt heute noch dieſelbe. Ich will ſie hier kurz wiederholen. Für Geſchichte des Wohnortes ſollen in Bürgerſchulen keine beſonderen Stunden angeſetzt werden; denn zu gleichem Rang mit der allgemeinen deutſchen Geſchichte erhoben zu werden, verdient eine ſolche Geſchichte nicht. Aber der allgemeinere Geſchichtsunterricht ſoll auf die Heimat Bezug nehmen, und zwar beſonders aus zwei Gründen, erſtens weil doch den Bewohnern einer Stadt oder Gegend das, was ehemals da vorgegangen iſt, nicht ganz unbekannt bleiben darf, und zweitens weil durch Vorgänge in der beſonderen Geſchichte manche Verhältniſſe der allgemeineren dem Verſtändniſſe näher gebracht werden können.„Wenn,“ ſo heißt es dort,„beim vierzehnten Jahrhundert von dem Emporkommen der Zünfte und den Kämpfen derſelben gegen die Geſchlechter geſprochen wird, ſo tritt Siegfried von Marburg und ſeine Gegner auf. Iſt von den Fehden der Städte mit Rittern und Fürſten im vierzehnten und fünfzehnten Jahrhundert die Rede, ſo erſcheinen die Frankfurter, wie ſie, nicht bloß unglücklich gegen Kronberg, ſondern auch mit Erfolg gegen Hattſtein, Tannenberg u. ſ. w. ziehen. Als Beiſpiel eines Raubritters mag Bechtram von Vilbel gelten.“ Und ſo ſind dort noch mehrere Beiſpiele genannt, aus denen ſich ergibt, wie durch Anführungen aus der beſonderen Geſchichte die allgemeine erläutert werden kann. Es erwüchſe ſonach, wenn dies als richtig erkannt werden ſollte, dem Geſchichtslehrer, der kein geborener Frankfurter iſt, die Aufgabe, ſich allmählich mit der frankfurtiſchen Geſchichte bekannt zu machen. Aber hat nicht die Aufgabe, ſein Arbeitsfeld kennen zu lernen, jeder, der als Lehrer, an welchem Orte es auch ſei, wirken will?
Und welche Anknüpfungen bietet denn die hieſige Gegend? Wenn in der griechiſchen Geſchichte bei der perikleiſchen Zeit auf die Bauwerke in Athen genauer eingegangen und wohl auch über die drei hauptſächlichſten Säulenordnungen Belehrung gegeben wird, ſo können Beiſpiele doriſcher(Friedhof⸗ eingang, Obermainthor), ioniſcher(Paulskirche), korinthiſcher(Stadtbibliothek, deutſch⸗reformirte Kirche) Säulen in unſerer Stadt der Betrachtung empfohlen werden; bei den Propyläen iſt die Vorhalle des Friedhofs, bei dem Giebelfelde des Parthenon das der Stadtbibliothek zu nennen; Gypsabgüſſe von Basreliefs des Parthenon bietet die Städel'ſche Gallerie. Wenn, etwa nach Tacitus, von dem, was wir den Urzuſtand zu nennen gewohnt ſind, geſprochen und dabei Wald und Sumpf erwähnt wird, ſo iſt anzuführen, daß noch bis weit in das Mittelalter hinein der Wald an der linken Mainſeite bis an den Fluß reichte; die Namen der Dörfer Oberrad und Niederrad (urſprünglich Oberrode und Niederrode, von roden, ausroden) ſind zu nennen. Es iſt zu ſagen, daß der Main noch nicht in ſo geordnetem Bette floß; Spuren ſeiner alten Arme ſind noch zu ſehen. In die Römerzeit führt uns das„Heidenfeld“ zwiſchen Heddernheim(dieſer Name erinnert an Hadrian) und Praunheim. Ein Gang dorthin kann vielleicht einige Bruchſtücke von römiſchen Back⸗ ſteinen, Mörtel u. ſ. w. liefern. Ferner der bei Vilbel gefundene römiſche Moſaikboden. Mit reiferen Schülern könnte ihn vielleicht einmal der Lehrer in der— überhaupt ſehr ſehenswerthen— Sammlung im Schloſſe zu Darmſtadt anſehen. Hauptſächlich aber die Saalburg. Ein Gang mit Schülern dorthin iſt ſehr lohnend und belehrend, beſonders wenn er nicht ohne Vorbereitung(Be⸗ ſchreibung und Zeichnung eines römiſchen Lagers) unternommen wird und nicht ohne nachherige Durchnahme bleibt. Ebenſo, mit reiferen Schülern, ein Ausflug nach Aſchaffenburg, um das Pom⸗
*) Programm von 1862.


