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Einige unſerer Buch⸗ und Kunſthandlungen leiſten uns in dieſem Betreff recht erwünſchte Dienſte.—„Aber“, wird mir eingewendet,„ſollen wir denn die Kinder anleiten, vor den Bilderläden ſtehen zu bleiben? Erſtens ſehen ſie da Manches, das nicht für ſie beſtimmt iſt, und dann würden wir ſie da ja auch verleiten, ein Gebot, das wir ihnen ſonſt wohl geben, nämlich daß ſie, ohne ſich weiter aufzuhalten, den Weg nach und von der Schule machen, zu übertreten.“ Was gleich das Letztere betrifft, ſo leben wir nicht mehr in ſolchen Zeiten, wo wir ein ſolches Gebot geben könnten; wir können(und müſſen) nur, ſoweit es uns möglich iſt, darauf halten, daß auf dem Schulwege nichts Unrechtes gethan werde. Im Übrigen können wir die Blicke nicht hemmen, wir wollen ſie nur lenken, hinlenken auf Schönes und Belehrendes. Bei Jeſuitenſchülern iſt es wohl vorgekommen, daß ſie angewieſen wurden, auf dem Schulwege geſenkten Blickes zu gehen, und daß es ihnen verboten wurde, rechts oder links zu ſchauen. Das könnten wir gar nicht durchführen, und wenn wir könnten, wir wollten es nicht. Unſer berühmter Landsmann Böhmer wohnte in ſeiner Jugend auf der großen Bockenheimergaſſe(„Straße“ ſagte man damals noch nicht); als Knabe ging er, wie Janſſen erzählt, täglich, von einem Bedienten begleitet, einen und denſelben Weg zur Schule, auf den großen Hirſchgraben. Als er elf Jahre alt war(es war im Jahre 1806), ſah er zum erſten male den Main. Dieſer Anblick machte einen ſo tiefen, erſchütternden Eindruck auf ihn, daß ſeine beſorgte Mutter ihn, um eine der Geſundheit ſchädliche Aufregung zu vermeiden, nicht mehr dahin gehen ließ.— Bei uns wird kein Knabe mehr elf Jahre alt, ohne daß er den Main und noch vieles Andere(nur zu vieles, das können wir zugeſtehen) geſehen habe.— Vor beinahe hundert Jahren fuhr ein Bräutigam mit ſeiner Braut nach Königſtein; es war das damals eine Reiſe. Die Braut erkannte nun, daß das Blaue, das ſie wohl bei ſeltenen Gängen ins Freie geſehen hatte, Berge ſeien, und nicht, wie ſie geglaubt hatte, Wolken. Bei uns wird kein Mädchen zwanzig, ja wir könnten faſt ſagen zehn Jahre alt, ohne hierin das Richtige zu wiſſen. Wir können, ich wiederhole es, die Blicke der Kinder nicht hemmen, ſo wollen wir ſie denn lenken. Und ſo mögen wir ſie denn auch aufmerkſam machen, Bilder von fremden Gegenden, die an den Läden ausgeſtellt ſind, recht genau zu betrachten. Da können ſie denn z. B. den Wellenſchlag des Meeres, den ſie ſich vielleicht ganz anders vorgeſtellt hatten, ſehen, ſie können ſehen, daß Gletſcher nicht, wie vor nicht langer Zeit auch manche Gebildete noch glaubten, Eisberge ſind, ſondern große Eismaſſen, welche Thäler und Schluchten erfüllen. Und ſo noch manches Andere.
So hätten wir alſo hier wieder ein Bildungsmittel, das wir, mehr als es an kleineren Orten meiſt der Fall iſt, benutzen und verwerthen können.
Auch für Naturgeſchichte bietet unſere Stadt und Umgegend manche Anſchauung. Wenn wir nur— dies ſei zu allererſt geſagt— die Kinder daran gewöhnen, auf das, was ſie ſehen und hören, zu achten, wenn wir ihnen ſomit Achtung vor der Natur als der Schöpfung Gottes einflößen, deren Geſchöpfe wir wohl benützen, aber nicht muthwillig vernichten ſollten. In unſerm Schulgarten oder von ihm aus ſehen und hören wir Amſeln, Buchfinken, Rothſchwänzchen, Meiſen, Schwalben, hie und da eine Krähe, eine Elſter, einen Storch. Achten wir mit ihnen auf dieſe Erſcheinungen, ſo werden uns die Kinder gerne erzählen, welche Vögel ſie in ihren Gärten oder in der Nähe ihrer Häuſer ſehen, welche da ihre Neſter haben. Ähnlich iſt es mit Inſekten und überhaupt ſogenannten niederen Thieren. Der Fiſchmarkt gibt manche ſchätzbare Anſchauung. Hier aber müſſen wir warnen: das Angeln, das bei Manchem zur Leidenſchaft wird, können wir nicht empfehlen; es wird viel Zeit


