Aufsatz 
Frankfurt am Main als Arbeitsfeld für Unterricht und Erziehung; Licht und Schatten
Entstehung
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mit welcher dieſes aufgebaut iſt. Und ſollte dies den Menſchen nicht erheben, ſeinen Sinn nicht (wenn auch, nach Schiller, die Größe nicht im Raume wohnt) auf Höheres hinlenken? Es wird dann ferner(und dies iſt nicht gering anzuſchlagen) während der ganzen Schulzeit ein dem Lehrer und den Schülern gemeinſames Intereſſe geſchaffen, und das Intereſſe an dieſen Dingen bleibt wohl auch dem ſinnigen Menſchen über die Schulzeit hinaus, es begleitet ihnin das Leben, es zieht ihn ab von manchem Eitlen und Verderblichen.

Daß der Mond kürzlich(z. B. am 15. Februar) in der Nähe des Jupiter ſtand, etwa ſechs Vollmondbreiten von ihm entfernt, am folgenden Abend mehr links, weiter weg vom Jupiter; daß der Mars ſich(Februar) im Löwen nach rechts(Weſten) bewegt, daß er nördlich von der Ekliptik ſteht; daß um den Mond ein Hof geſtanden habe; daß geſtern Abend der Himmel ſchön roth geweſen; daß ein Regenbogen zu ſehen geweſen ſei: dies und vieles Andere wird gern beobachtet und berichtet.

Ich habe mich ſchon manchmal*) über dieſen Gegenſtand ausgeſprochen; ich thue es hier wieder. Denn er ſcheint mir ſehr wichtig zu ſein und bei weitem noch nicht genug gewürdigt zu werden.

Was ſteht denn im Wege? Hauptſächlich(ich darf dies hier nicht verſchweigen) der Umſtand, daß viele Lehrer ſelbſt die Kenntniß dieſer Dinge nur aus Büchern oder Heften und nur im Ge⸗ dächtniß haben. Es wird mir wohl klagend und entſchuldigend angeführt, daß auf Seminarien keine Anleitung gegeben werde, den Himmel ſelbſt verſtändig zu betrachten. Wenn dies wirklich der Fall iſt, ſo iſt es allerdings zu beklagen; auch auf dieſen Bildungsanſtalten für Lehrer, die ja meiſt in kleineren Städten, von welchen aus man leicht in's Freie blicken und gehen kann, gelegen ſind, wäre es leicht möglich, eine gute Grundlage zu legen und ein bleibendes Intereſſe zu wecken. Andrerſeits möchte ich aber darauf aufmerkſam machen, daß das Wort Seminar von semen, Samen, abgeleitet iſt, und nicht etwa von fructus, Frucht.

Bei welchem Lehrer aber, ſo wird mir weiter eingewendet,dies einmal verſäumt iſt, der kann es dann ſehr ſchwer nachholen, es gehört ein eigenes Studium dazu, zu dem er weder die Zeit noch die nöthigen Werkzeuge hat. Darauf ſage ich: Nein! Es iſt nicht ſchwer, ſich im Laufe eines oder zweier Jahre fähig zu machen, wenigſtens vorerſt in unteren, auch wohl in mittleren Claſſen den Schülern Anleitung zur fruchtbaren Betrachtung des Himmels zu geben. Hülfsmittel dazu wären etwa Mädler's populäre Aſtronomie(Eſſen, Bädeker, 1863); Dieſterwegs Himmels⸗ kunde(7. Aufl., herausgegeben von Strübing, Berlin, Enslin, 1868),*) vielleicht auch(wenigſtens ſchließe ich dies aus einer günſtigen Beurtheilung;***) denn das Werkchen ſelbſt habe ich noch nicht geſehen) Boymann, Grundlehren der Aſtronomie und mathematiſchen Geographie, Köln und Neuß, Schwann, 1865, 5 Sgr. In Frankfurt bietet uns noch ein ſehr ſchätzbares Hülfsmittel der Heraus⸗ geber des Intelligenzblattes, Herr Holtzwart, ein Liebhaber und Kenner der Sternkunde, dadurch daß er jeden letzten Sonntag eines Monats in denFrankfurter Nachrichtenaſtronomiſche Notizen

*) Heimatskunde, 2. Aufl. S. 19, Progr. von 1866, S. 20, Progr. von 1867, Lüben's prakt. Schul⸗ mann VII. S. 411, XVII. S. 153.

**) Dieſe beiden Werke folgen, was die Natur des Sonnenkörpers betrifft, noch der alten Herſchel'ſchen Anſicht, haben die neuere, Bunſen⸗Kirchhoff'ſche, noch nicht aufgenommen. Mit dieſer neueren kann der Lehrer z. B. durch die Aufſätze von Wirth in Lüben's prakt. Schulmanne XVII., 88, XVIII., 55 ſich bekannt machen.

***) S. Lüben's pädag. Jahresbericht XVIII., S. 496.