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der zu einem Blinden ſagte:„Ach, wie biſt du doch ſo unglücklich!“ Als Peſtalozzi die Bettelkinder in Stanz um ſich ſammelte, da fühlte er auch dieſes herzliche Mitleid mit ihnen; aber er äußerte ihnen das nicht auf kränkende Weiſe; er benutzte, um ſie zum Erkennen, zum Denken, zum Fühlen zu bringen, um ſie zu Menſchen zu bilden, die wenigen einfachen Mittel, die ihm zu Gebote ſtanden und die er zu benutzen verſtand. Und uns ſind noch viel mehr äußere Mittel gegeben als ihm; benutzen wir dieſe, und benutzen wir vornehmlich auch die Mittel, die wir in uns ſelbſt haben, in unſerer Perſönlichkeit, in unſern Kenntniſſen und in der Erfahrung, die wir in dem Berufe, der uns Lebensaufgabe iſt, geſammelt haben.
Kühner ſagt:*)„Wie insbeſondere der unruhvollen, athemloſen Haſt unſerer von tauſend Reizen erregten Zeit, ſo iſt auch unſerer großſtädtiſchen Jugend Sammlung und Beſchwichtigung nöthig.*) Die Schule muß es verſuchen, den außerhalb fluthenden Reichthum an Bildungsmitteln in ſich aufzunehmen und in ein geregeltes Bett zu lenken.“
Und welchen Reichthum an Bildungsmitteln haben wir doch auch gerade hier! Das wollen wir nicht verkennen; nun wir wollen benutzen, was uns geboten iſt.
Da haben wir nun gleich zuerſt— zwar nicht wir allein— den Himmel über uns, ich meine jetzt den ſichtbaren, mit Sonne, Mond und Sternen. Wohl in den meiſten Schulen unſeres deutſchen Vaterlandes werden Belehrungen gegeben über das Planetenſyſtem, über die Bahnen der Himmelskörper, über die Verfinſterungen von Sonne und Mond; manche Schüler wiſſen recht genau die mittlere Entfernung des Mondes von der Erde, der Erde von der Sonne nach Meilen anzugeben. Aber all dies bleibt ein todtes Wiſſen ohne Werth, wenn die Anſchauung fehlt, wenn man nicht am Himmel ſelbſt zu Hauſe iſt. Laſſen wir doch die Kinder, ſo viel es möglich iſt, Aufgang und Untergang der Sonne, ihre Höhe am Mittag, die wechſelnden Geſtalten des Mondes, das Erſcheinen der Sterne, den Gang der Planeten am Firſternhimmel, die Zeit der Dämmerung beobachten; all dies natürlich nicht bloß einmal, ſondern fortgeſetzt, von den früheſten Jahren an, die ganze Schul⸗ zeit hindurch. Ein Schüler, der mit vierzehn oder fünfzehn Jahren austritt, muß dann(um nur Einzelnes anzuführen) ſelbſt geſehen und nicht bloß dem trügeriſchen Gedächtniſſe anvertraut haben, daß die Polhöhe von Frankfurt ungefähr 50° beträgt, daß der tiefſte Mittagsſtand der Sonne 16—170, der höchſte 63— 640 beträgt, daß die Firſterne jeden folgenden Monat etwa zwei Stunden früher als im vorigen an derſelben Stelle des Himmels ſtehen, daß es im November Morgens um ſieben Uhr heller iſt als Abends um fünf Uhr, im Februar umgekehrt, daß die Pla⸗ neten ſich am Firſternhimmel bald nach Weſten bald nach Oſten hin bewegen, daß ſie immer in der Nähe der Ekliptik ſtehen, aber bald nördlich, bald ſüdlich von dieſer.„Aber welchen Gewinn“, könnte man fragen,„hat er denn nun davon, wenn er all dies weiß?“ Darauf ſage ich: Erſtens verſteht er dann beſſer(oder eigentlich: nur dann verſteht er), was ihm, etwa in der oberſten Klaſſe, vom Weltgebäude geſagt wird. Er bekommt wenigſtens eine Ahnung von der wundervollen Ordnung,
*) A. a. O., S. 30.
**) Im Frühlinge des bewegten Jahres 1848 ſchrieb ich(ſ. Progr. der Mittelſchule S. 7):„Das beſte, das einzig richtige Heilmittel gegen jenes Uebel der Theilnahmloſigkeit liegt in den Unterrichtsgegenſtänden ſelbſt und ihrer Behandlung. Werden die Knaben durch das, was die Wochen und Tage bringen, zerſtreut: möge die Schule ſie ſammeln durch das, was ſie ihnen bietet; möge ſie jetzt mit ganz beſonderem Ernſte, mit doppeltem Eifer ihren Unterricht verwalten.“
Mittlere Bürgerſchule. 2


