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das iſt eine häufige, in manchen Kreiſen faſt ſprichwörtlich gewordene, mit Luſt wiederholte Rede— ein bloßer Geldmenſch, habe für nichts Sinn als für Erwerb und etwa noch ſinnlichen Genuß. Das ſind harte Anklagen. Es ſteht mir hier nicht zu, meine Vaterſtadt zu vertheidigen; doch will ich, was das Erſtere betrifft, darauf hinweiſen, daß es an einem Orte, aus dem Göthe und Klinger und Börne, Feuerbach und Johann Friedrich Böhmer, Buttmann und Karl Friedrich Hermann hervorgegangen ſind, wohl nicht ganz an idealem und wiſſenſchaftlichem Sinne fehlen kann. Und was den„Geldmenſchen“ betrifft, ſo möchte doch ein Blick auf die nicht durch fürſtliche Gnade oder Großmuth erwachſenen und genährten Sammlungen für Kunſt und Natur, auf die nicht auf höheren Befehl gegründeten und benutzten wiſſenſchaftlichen Vereine, auf die durch Bürgerſinn geſtifteten Wohlthätigkeitsanſtalten dem Unbefangenen einen Zweifel an der Wahrheit jenes harten, liebloſen Urtheils rege machen. Übrigens hat gar manche Stadt und Gegend— z. B. Hamburg, Ober⸗ ſchleſien, Oſtpreußen— bei beſonderen Veranlaſſungen ſehr gerne und„mit Dank“ das„Frankfurter Geld“ angenommen, und zu ſolchen Zeiten wurde dort wenigſtens öffentlich nicht von„Frankfurter Geldmenſchen“ geſprochen.
Ich habe mich hier von meinem Gegenſtande vielleicht zu weit entfernt. Ich bitte aber, es gerade gegenwärtig einem Frankfurter nicht zu verargen, wenn er ein Wort, mag es nun von Vielen oder von Wenigen gehört werden, für ſeine viel geſchmähte Vaterſtadt ſagt.
Wir geſtehen es zu, in unſern Verhältniſſen und vielleicht auch in dem Gepräge der Bewohner unſerer Stadt liegt ſo Manches, das dem Erfolge des Unterrichts und der Erziehung nicht günſtig iſt.*) Doch glaube ich auch, daß, wer von außen ohne vorgefaßte Meinung hierher kommt, und ohne daß er die Menſchen hier mit Gewalt nach ſeinem Sinne umformen will, daß der nicht bloß in der reichen fruchtbaren Gegend, ſondern auch in den Menſchen hie und da etwas Gutes finden wird.
Was ſoll nun, angeſichts der hier herrſchenden Verhältniſſe, der Lehrer thun? Das Aller⸗ ſchlimmſte wäre, beſtändig zu klagen und zu tadeln. Sich jeden Tag verächtlich zu äußern über die „abſcheuliche“ Mundart, entrüſtet über die Zerſtreutheit, über die„gemeine“ Geſinnung, über den Mangel an Sinn für Höheres, das würde abſtumpfen und am Ende wirkungslos verhallen. Ich meine damit nicht, daß Schlechtes gut genannt werden oder doch mit Stillſchweigen übergangen werden ſoll; gewiß nicht. Wo wirklich Gemeinheit der Geſinnung ſich zeigt, da muß ihr mit vollem ſittlichem Ernſte entgegengetreten werden. Aber die ganze hieſige Jugend mit allen ihren Lebensäußerungen als eine niedrig geartete hinzuſtellen, das würde, ſelbſt wenn es der Wahrheit angemeſſen wäre, doch nicht die rechte Wirkung haben. Wer wirklich glaubt, die hieſige Jugend ſei nicht einmal fähig, zu wahrer menſchlicher Bildung zu kommen, der müßte es doch in ſeinem eigenen Intereſſe machen wie der Landmann, der ein durchaus unfruchtbares Stück Landes eben gar nicht mehr zu bebauen verſucht, ſondern ſeine Kraft und Thätigkeit dankbarerem Felde zuwendet. Wer aber die Hoffnung nicht ganz aufgibt, der wird zwar inniges Mitleid mit den Fehlern der Jugend fühlen, aber er wird dieſes Mitleid nicht ſo ungeſchickt— ſo grauſam, könnte man ſagen— äußern wie Jener,
*) Üüber die„Gefahren großſtädtiſcher Erziehung“ hat im Jahre 1857, auch mit beſonderer Beziehung auf Frankfurt, in der Einladungsſchrift der Muſterſchule Herr Direktor Dr. Kühner treffliche Worte geſprochen. Ich komme weiter unten öfters auf dieſe Abhandlung zurück.


