Aufsatz 
Frankfurt am Main als Arbeitsfeld für Unterricht und Erziehung; Licht und Schatten
Entstehung
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Nordens, wie ſich Platen einmal ausdrückt, vortheilhaft unterſcheidet: wir verwechſeln nicht ſo häufig das mir und mich(obzwar auch dieſe Verwechſelung in manchen beſtimmten Fällen vorkommt); wir ſagen nicht, wie ich es in jener Gegend gehört habe, de Banke für die Bank, wir ſetzen alſo nicht(oder doch nur in ſeltenen Fällen, z. B. bei vorne ſtatt vorn) ein e an, wo es nicht hingehört. Dagegen laſſen wir ſehr viele e und ſehr viele n am Ende weg. Unſere Mundart kennt ferner faſt kein Imperfekt(obzwar jetzt doch ſchon mehr als vor vierzig Jahren) als das des Zeitworts ſein; es wird darum im Sprechen und Schreiben oft Perfekt und Imperfekt mit einander verwechſelt; mancher Schüler, der es recht gut machen will, gebraucht wohl, ſtatt einer einfacheren Form der Ver⸗ gangenheit, das Plusquamperfektum. Wir unterſcheiden in vielen Fällen beſſer als die Thüringer oder Sachſen das b und p, d und t, g und k, wir ſind z. B. nicht in der Gefahr, Gebäck und Gepäck, Garten und Karten zu verwechſeln. Aber wir ſprechen, wie es freilich jene auch thun, bl und pl, br und pr, dr und tr, gl und kl, gn und kn, gr und kr gleich aus; alle jene weichen Buchſtaben werden bei uns zu harten. Daraus entſtehen ſehr viele orthographiſche Fehler. Wir müſſen zugeſtehen, daß die fremden Lehrer Recht haben, wenn ſie ſagen, die Frankfurter Mundart lege dem Erlernen der guten deutſchen Schriftſprache große Schwierigkeiten in den Weg.

Auch den Lehrer der franzöſiſchen Sprache bringt wohl das Nichtunterſcheiden des bl und pl. u. ſ. w. oder der Mangel an Sinn für den Umlaut(u, eu) manchmal faſt zur Verzweiflung. Dagegen gelingt es ihm hier leichter, eine richtige Ausſprache der franzöſiſchen Naſenlaute zu erzielen, während im deutſchen Norden wie ich das ſelbſt in einer berühmten Schule einer großen Stadt gehört habe das en geradezu wie ang geſprochen wird, und man ſich, ſcheint es, nicht einmal bemüht, dem dort allerdings in der Mundart ungebräuchlichen fremden Laute ſein Recht, das er doch jedenfalls hat, angedeihen zu laſſen.

Außer über die Sprache wird bei der Frankfurter Jugend noch über manches Andere geklagt: ſie ſei flatterhaft, genußſüchtig, ſchwer zu ernſter Thätigkeit zu bringen, es fehle ihr Luſt und Kraft, ſich in Eines zu vertiefen, es fehle ihr die Achtung vor dem Stoffe des Unterrichts und vor dem, mit deſſen Hülfe ſie ſich dieſen Stoff aneignen ſoll, es fehle ihr die Pietät. Dieſe Klage iſt nicht ganz ohne Begründung; wobei wir übrigens unentſchieden laſſen wollen, ob ſie vorzugsweiſe unſerer Stadt oder überhaupt unſerer Zeit zukommt. Die angeführten Fehler werden, wenn auch nicht erzeugt, doch genährt durch das bunte, unruhige, fieberhafte Leben und Treiben, dem unſere Stadt vermöge ihrer Lage und ihrer Stellung ausgeſetzt iſt. Wir ſehen dies deutlich, wenn einmal ein friſcher Knabe vom Lande etwa in die mittleren Klaſſen unſerer Schulen eintritt. Er iſt, unſern Frankfurter Kindern gegenüber, ſteif und unbeholfen; hat darum Manches von ihnen zu leiden. Aber er achtet, was ihm die Schule gibt; er hat ſich wohl darnach geſehnt, mehr zu lernen, als ihm die Dorfſchule bieten könnte; jetzt iſt ſein Sehnen geſtillt; dankbar und begierig und mit vollem Ernſte, wir möchten ſagen mit Ehrfurcht(vgl. Göthe's Wanderjahre), nimmt er auf, was ihm hier geboten wird, bis er ſich(und dies geſchieht bei Manchen gar bald) unter den Stadtkindern civiliſirt und mit ihrer Lebensgewandtheit auch ihren Leichtſinn annimmt.

Die angedeuteten Fehler werden aber von Manchen nicht bloß auf das Leben und Treiben der Stadt zurückgeführt, ſondern auf den Charakter und das Weſen der Frankfurter ſelbſt. Die Vorwürfe richten ſich dann nicht mehr bloß gegen die Jugend, ſondern gegen die Erwachſenen. Dem Frankfurter, heißt es wohl, fehle es von Haus aus an Idealität, an ernſtem wiſſenſchaftlichem Sinne; er ſei