Aufsatz 
Frankfurt am Main als Arbeitsfeld für Unterricht und Erziehung; Licht und Schatten
Entstehung
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Unſchönes. Pferdemarkt, Rennbahn, Fettviehausſtellung, Induſtrieausſtellung, chineſiſche und japaneſiſche Tauſendkünſtler: all dies beſchäftigt auf kürzere oder längere Zeit manches Gemüth. Außer dem Stadttheater bietet nun auch das Bockenheimer Sommertheater, das Vaudevilletheater, der Circus Erholung und Zerſtreuung. Anſchauungen werden viele gewonnen, nur zu viele; genährt wird dadurch Vergnügungsſucht, Verſchwendung, Sinnenluſt, erſchwert wird das ernſte und liebevolle Ver⸗ tiefen in Einzelnes. 8

Und wie ſind nun die Menſchen, an die all dies kommt, wie ſind die Kinder, die uns zugeführt werden? Manche Lehrer, die von auswärts, aus entweder wirklich oder ſcheinbar begün⸗ ſtigteren Gegenden, zu uns gekommen ſind, haben viel, ſehr viel an den Kindern unſerer Stadt die eben, obgleich namentlich in den neueſten Jahren recht viele fremde ſich zu ihnen geſellen, doch noch immer die größere Zahl unſerer Schüler bilden auszuſetzen. Gleich zu Anfang wird wohl die hieſige Mundart*) genannt, bei der manche Fehler ſo tief wurzelten, daß ſie kaum auszurotten ſeien, die darum dem Sprachunterrichte, und nicht dieſem allein, ein großes Hinderniß biete. Nun, unſere Mundart iſt eben eine Mundart, wie andere auch, alſo wenn wir die veraltete Anſicht, nach welcher alles, was von der einmal angenommenen Schriftſprache abweicht, falſch, verkehrt, verderbt wäre, mit den Brüdern Grimm und den andern Meiſtern unſerer Sprache verlaſſen ein Zweig der deutſchen Sprache. Sie hat nicht ſo viel eigenthümliches Gepräge wie die an der Grenze ſtehenden, wie etwa das Alemanniſche oder das holſteiniſche Plattdeutſch. Sie gehört im Weſentlichen zu dem oberdeutſchen(oder, wenn man eine Dreitheilung annimmt, mitteldeutſchen) Zweige, bietet aber doch auch ſchon manche niederdeutſche Form, z. B. ſchepp für ſchief. Sie iſt von der Schrift⸗ ſprache nicht ſo ſehr verſchieden wie z. B. das Plattdeutſche. Gegenden, in welchen die Volksmundart plattdeutſch iſt, wie Hannover, Hamburg, Mecklenburg, gelten für ſolche, in denen gut geſprochen werde. Es hat das ſeinen natürlichen Grund: dort muß das Hochdeutſche förmlich, faſt wie eine fremde Sprache, gelernt werden; es wird rein gelernt; geübt natürlich mehr als eine fremde Sprache. Der Hamburger, der ſoeben noch mit einem Hafenarbeiter plattdeutſch geſprochen hat, ſpricht dann mit uns in dem erlernten, guten Hochdeutſch; wenn er dennoch auch in dieſem einige Eigenthüm⸗ lichkeiten behält, wenn er z. B. oft das enklitiſche man anbringt oder wenn er, ſtatt dreißig, dreizig ſagt, ſo rechnen wir ihm das nicht hoch an; er ſpricht, heißt es bei uns, ein gutes Deutſch. Wir, ſo wie überhaupt die Bewohner der Gegenden, in welchen die Mundart eine ober⸗ oder beſonders eine mitteldeutſche iſt, haben nicht, wie jene Niederdeutſchen, zwei ganz verſchiedene Sprachen. Wir laſſen uns manchmal, z. B. wenn wir mit Dienſtboten oder Landleuten ſprechen oder auch im engſten Familienverkehr, mehr gehen als ein andermal, wo wir etwa mit gebildeten Fremden in ein Geſpräch kommen. Aber der Unterſchied iſt kein ſo weſentlicher. Daher kommt es, daß die Verſchiedenheiten unſerer Mundart von der Schriftſprache oder, wenn man will, die Fehler mehr und häufiger hervortreten als bei jenen Niederdeutſchen, wenn ſie das erlernte Hochdeutſch ſprechen. Und allerdings ſind dieſe Fehler wir wollen es einmal ſo nennen ſo bedeutend, daß ſie der Erlangung einer guten Rechtſchreibung und einer grammatiſch richtigen Sprache viele Hinderniſſe bieten. Wir könnten zwar auch Einzelnes anführen, das uns von manch anderer Gegend, z. B. von einerStadt des

*) Aus Allem, was uns in dieſer Mundart gedruckt vorliegt, iſt dieſelbe nicht ganz ſo, wie ſie wirklich iſt, zu erkennen. Dies gilt namentlich auch von der Probe, die aus derKrebbelzeitung Daniel(Geographie III, S. 68 der Ausgabe von 1863) anführt.