Aufsatz 
Frankfurt am Main als Arbeitsfeld für Unterricht und Erziehung; Licht und Schatten
Entstehung
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und Begriffe, die ſie ſchon haben, und daß er ſich auch an den Willen der Schüler zu wenden hat, der, je nachdem die Zöglinge geartet ſind, ein verſchieden kräftiger iſt. Und dieſe Anſchauungen, dieſe Vorſtellungen und Begriffe, dieſer Wille, all dies iſt in verſchiedenen Verhältniſſen ſehr verſchieden. Denn es iſt ja gewiß nicht gleichgültig, ob man am Meere wohnt, wo der Blick unge⸗ hemmt über die weite wogende Fläche ſchweift und wo jedes ankommende Schiff gleichſam Grüße aus fernen Gegenden bringt und die Ferne ſomit näher rückt; oder ſo weit im Binnenlande, daß deſſen Bewohner wohl ein Ruder für ein Grabſcheit anſehen könnten; ob in einförmiger Ebene oder in wechſelvollem Hügellande; ob auf freier Höhe oder in engem Thale, wo man die Sonne weder auf⸗ noch untergehen ſieht. Es iſt nicht gleichgültig, ob die Gegend, in der wir zu wirken haben, mitten in einem düſtern Walde liegt, oder ob ſie nur einförmige Kornfluren bietet, oder ob die Pflanzenbekleidung des Bodens eine mannichfaltige iſt; nicht gleichgültig, ob der Himmel rauh oder mild, der Boden dürr oder fruchtbar iſt. Auch macht es einen Unterſchied, ob der Ort unſeres Wirkens eine Weltſtadt iſt, wo viele Menſchen ihr ganzes Leben lang nie ein reifendes Saatfeld oder einen grünen Wald zu ſehen bekommen, oder eine mäßiggroße Stadt mit reichem Verkehr, oder ein ſtilles, noch von keiner Eiſenbahn berührtes Landſtädtchen, wo es als ein Ereigniß gilt, wenn ſich einmal eine Seiltänzertruppe oder eine Thierbude dahin verliert, und wo ein hauptſächlicher Lehrer der Buchbinder iſt, dadurch, daß er von Zeit zu Zeit neue Bilder, die er von der Meſſe mitgebracht, etwa Raubthiere oder Schlachten, an ſeinem Schaufenſter ausſtellt, oder endlich ein einſames Gebirgs⸗ dorf. Es iſt ein Unterſchied, ob man in einer neuen, regelmäßig gebauten Stadt wohnt, oder an einem Orte, wo die Häuſer und Steine von reicher Vergangenheit erzählen. All dies bringt ver⸗ ſchiedene Anſchauungen; verſchiedene Vorausſetzungen ſind es, die wir, hier oder dort, bei den Kindern, die uns zum Unterrichte übergeben werden, annehmen und auf die wir weiter bauen können. In dem einen wie in dem andern Falle werden wir Vortheile und Mängel finden. Ein anderer, weſentlicher Unterſchied liegt in der Art des Volksſtammes, zu dem unſere Schüler gehören: ob dieſer leicht auffaßt und wieder vergißt, oder ob er ſchwer begreift, aber das einmal Gefaßte als feſten Beſitz behält; ob er ſtarr die altväteriſche Sitte bewahrt oder Neuerungen leicht zugänglich iſt. Ein anderer, ſehr weſentlicher Unterſchied, auch zwiſchen Kindern einer und derſelben Stadt, liegt in der verſchiedenen Lebensſtellung und dem verſchiedenen Bildungsgrade der Familien. Darauf gehen wir aber hier nicht näher ein, wir müßten ſonſt unſere Grenzen enger ſtecken, als es für eine ſolche Schulſchrift paſſend erſcheint. Doch ſei geſagt, daß im Ganzen die mittlere Lebensſtellung am meiſten berückſichtigt worden iſt.

Wie iſt es nun in Frankfurt? Welche Anſchauungen bietet dieſe Stadt und ihre Umgebung? Woran können wir hier anknüpfen, worauf können wir bauen, und was haben wir beſonders zu bekämpfen?

Es wölbt ſich über uns derſelbe Himmel mit Sonne, Mond und Sternen wie über ganz Deutſchland; der Unterſchied in der Erſcheinung der Himmelskörper iſt kein bedeutender. Es ſcheint wohl Manchem vielleicht überflüſſig, hier über den Himmel zu ſprechen; wir werden aber ſpäter ſehen, daß dieſe Erwähnung ihren Grund hat. Die Gegend hat nichts Großartiges: kein Meer, keine Alpen ſind zu ſehen. Auch ein See fehlt; in nächſter Nähe ſelbſt ein ſchöner Bach; denn weder Metzgerbruch noch auch Königsbach können als gute Beiſpiele gelten. Aber einförmig iſt die Gegend nicht, wenn auch in dem Göthe'ſchenFluß und Ufer, Thal und Höhen dasThal nicht im