Aufsatz 
Neue Gesichtspunkte in der Theorie der Kegelschnitte / von Ernst Ritsert
Einzelbild herunterladen

Während demnach bei den Schülern der unteren Klassen die Beaufsichtigung eine unausgesetzte sein mußte, schränkte sich dieselbe bei denen der oberen allmählich ein. Auch hier hatte sich jeder Schüler, der mit einer Aufgabe fertig war, zu melden, um diese aufzusagen. Selbstverständlich geschah dies, ebenso wie bei den Schülern der unteren Klassen, die noch mehr zu Zerstreuung geneigt sind, in einer Weise, daß die übrigen so wenig wie möglich gestört wurden. Auch bplieb es dem Gutdünken des einzelnen Lehrers überlassen, ob er die ganze Aufgabe oder nur einen Teil derselben abhören wollte. Letzteres wird die Regel gewesen sein, da sonst bei den schon aus- gedehnteren Arbeiten die Zeit nicht ausgereicht haben würde, um allen gerecht zu werden, und da- andrerseits diese Art der Kontrolle sich als völlig genügend erwiesen hat. Den meisten Schülern der höheren Klassen wurde absichtlich mehr Freiheit gelassen, um ihnen den näher bevorstehenden UÜbergang zur selbständigen und unbeaufsichtigten Anfertigung ihrer Arheiten zu erleichtern. Hier bedurfte es nur hin und wieder eines Winkes, in welcher Weise die Arbeit anzugreifen sei, bisweilen auch einer Nachhilfe, dies jedoch nur dann, wenn eine solche dringend notwendig schien, also bei Schülern, die besonders schlecht begabt waren, oder längere Zeit krankheitshalber die Schule versäumt hatten, oder endlich aus anderen Anstalten kamen und zufällig mit dem betreffenden Pensum, z. B. in der Mathematik, noch unbekannt waren. Dabei wurde es soweit wie möglich vermieden, der Bequemlichkeit denkfauler Schüler Vorschub zu leisten.

Im Ganzen waren demnach die oberen Schüler vollständig auf sich selbst angewiesen. Damit ist zugleich ein Bedenken, beseitigt, das von verschiedenen Seiten gegen alle Beaufsichtigung der Schüler bei ihren Arbeiten ausgesprochen ist, das Bedenken nämlich, daß dieselben nicht selbständig würden arbeiten lernen. Das ist unsres Erachtens durch die angewandte Methode vermieden; ja- wir sind überzeugt, daß gerade das Gegenteil davon eintreten wird, daß nämlich die Schüler sich allmählich an sorgfältiges, richtiges Arbeiten gewöhnen. Ferner wurden gerade deshalb auch die Schüler der Ober-Sekunda von der Teilnahme an der Arbeitsstunde ausgeschlossen, weil schon von ihrem Alter freies Arbeiten erwartet und verlangt wird.

Für den regelmäßig aufsteigenden Schüler bleiben also noch drei Jahre selbständigen Lernens übrig, die zur Vorschule für die gänzliche Freiheit des späteren Studiums vollauf genügend erscheinen. Außerdem zwingen ja die zwei von der Arbeitsstunde nicht besetzten Tage, Mittwoch und Samstag, auch die Schüler, die sonst unter Aufsicht sich befinden, zeitweilig zu freier Arbeit, pilden also eine Brücke zu der späteren Selbständigkeit.

Was nun die Erfahrungen angeht, die bei dieser hier noch neuen Einrichtung im Laufe eines halben Jahres gemacht worden sind, so mögen auch darüber noch einige Bemerkungen folgen.

Sie sind in jeder Beziehung für uns recht erfreuliche gewesen. Insbesondere haben sie dazu gedient, die Gesamtleistungen gleichmäßiger zu gestalten. Einzelne Schüler, denen entweder die Möglichkeit oder Fähigkeit zu anhaltendem, ruhigem Arbeiten abging und die deshalb nur geringe Erfolge aufwiesen, haben wirklich auffallende Fortschritte gemacht, andre sich wenigstens sichtbar in ihren Leistungen gebessert. Die unmittelbare Folge davon war, daß die Zahl der Strafen für ungenügende Vorbereitung(Nacharbeiten, Nachsitzen u. s. w.) sich auf ein sehr geringes Maß beschränkt hat. Nicht zu unterschätzen ist außerdem der Umstand, daß das Urteil der Lehrer in vielen Fällen ein viel sichreres geworden ist. Einerseits konnte man, hauptsächtich bei den münd- lichen und schriftlichen Leistungen der Schiler der unteren Klassen, die zu Hause von Eltérn oder Geschwistern überwacht wurden, niemals genau ergründen, inwieweit jene selbständig waren, oder Nachhilfe, Abschreiberei und dergleichen stattgefunden hatte. Andrerseits ist durch die Beaufsichtigung für die Schüler der oberen Klassen die leider sehr weit verbreitete Benutzung unerlaubter Hilfsmittel unmöglich gemacht, die auf die Schüler auch in sittlicher Beziehung durch Verleitung zu anderen