Aufsatz 
Über den Ursprung der französischen Sprache.
(Fortsetzung.)
Entstehung
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Bedeutungen, werden ſehr klar, wenn man ſie mit dem holländiſchen rede und reden (Rede, Beweggrund, Princip, Vernunft) vergleicht. Das Wort talent heißt im Alt⸗ franzöſiſchen Luſt, ſelbſt in der niedrigſten Bedeutung. Wenn man auch einräumt, daß die bekannte Parabel zur Aufnahme des Wortes Talent Veranlaſſung gegeben hat, ſo erklaͤrt ſich doch daraus keineswegs die Bedeutung Luſt. Das Wort iſt in allen Miſchſprachen, und dürfte mit ähnlich klingenden Woͤrtern, wie angelſ. tilian ſuchen, vermengt worden ſeyn. Das Wort tailler kennen alle Miſchſprachen; es hat alle Eigenſchaften, welche die Ableitung von talea(jedes abgeſchnittene Stück, Setz⸗ reis) rechtfertigen, und ſo darf man fragen, wie es möglich iſt, daß, da der Römer von talea keine Bezeichnung für ſchneiden, hauen abgeleitet haben würde, man in den verſchiedenſten Gegenden von ein und demſelben Worte und ziemlich unbequem dazu den in tailler, détailler, liegenden Begriff entwickelte? Doch wohl, weil bei Allen ein und dasſelbe Streben vorwaltete, nach den in der eignen Sprache liegenden Wörtern und Vorſtellungsweiſen zu bezeichnen. Und warum fehlen hier all die Wörter, welche hauen bedeuten, kurz militäriſche Ausdrücke der Lateiner waren? Es läßt ſich allerdings denken, daß wie haut von altus, la hache von ascia abſtammt, und eben daher hnacher; aber auch ſo wird man von dem eigentlichen Grund und Boden der lateini⸗ ſchen Sprache, wie in den meiſten Fällen, hinweggeführt und ſtößt auf Fremdartiges. Botulus und botellus heißen Wurſt; italiäniſch heißt budello Darm, ftanzöſiſch le boyau Gedärme, altfr. boel, bouel; ſollte denn eine ſolche Bezeichnungsweiſe möglich geworden ſeyn, wenn man nicht das deutſche Wort potah, engl. body(Bauch, Leib) vor Augen gehabt hätte? Oder würde man von ripa und rive Ufer das Wort la rivière Strom abgeleitet, oder auch dies mit jenen in Uebereinſtimmung geſetzt haben, wenn man nicht Wörter vor Augen gehabt hätte, wie das angelſ. Ufer, Waſſer, ſchwed. à Strom, Waſſer? Hat man nicht aqua, alt aigue, faſt durch zwanzig Geſtalten hindurch im Altfranzöſiſchen ſo lange verdreht, bis man Wörter wie ewe, eave, die mit dem deutſchen awe(Au) gleichklangen, und endlich eau Waſſer, Strom, Regen, ein dem ſchwediſchen à gleichklingendes Wort, hervorbrachte? Da man aigue in der aͤlteren Sprache kannte, ſo iſt es unbegreiflich, wie man mit dem Worte ſo viele Um⸗ änderungen vornehmen konnte, wenn man nicht ein Streben zum voraus ſetzt, die fremden Wörter der eignen Sprache nahe zu bringen. Mag es nun aber auch im⸗ merhin ſeyn, daß man bei Bezeichnungen deutſche Wörter und die deutſche Ausdrucks⸗ weiſe nicht aus dem Auge verlor, ſo iſt doch auch das nicht zu verkennen, daß man,