Aufsatz 
Forschungen zur Geschichte der Rheinlande in der Römerzeit
Entstehung
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Einfluß,, einen weit größeren als man oft annimmt. Tiberius hätte mit der makellosen Loyalität des Germanicus wahrlich zufrieden sein dürfen. Aber sein Charakter hatte sich im Laufe der Jahr- zehnte verändert: die einstige Vereinigung von Kühnheit und Vorsicht hatte sich gelockert, und zu der Vorsicht hatte sich der Argwohn und das Mißtrauen gesellt. Diesen gaben die neuesten Ereignisse am Rhein reiche Nahrung. Germanicus hatte die Aufforderung der Soldaten zwar nicht angenommen. Aber konnte er nicht bei einer neuen Gelegenheit sich verlocken lassen? und konnten die Siege, welchen er entgegen ging, nicht eine solche neue Gelegenheit nur all- zuleicht herbeiführen? Und wenn selbst Germanicus immer so selbstlos plieb, wie er sich das erstemal gezeigt hatte, konnte nicht einer seiner Nachfolger die Gabe, die jener verschmäht hatte, schnell ergreifen? Solche quälende Fragen beherrschten bald den neuen Kaiser und mußten ihn beherrschen. Tacitus deutet in meisterhafter Weise an, wie sie das Verhalten des Kaisers zu seinem Adoptivsohne beeinflußten. Zunächst wagte der Kaiser zwar nicht, ihm und seinen acht Legionen den Krieg gegen die Germanen zu verbieten, lobte vielmehr seine Siege, zumal da das Staatswohl und der von Tiberius in allen Dingen hochgeachtete Wille des Augustus den Kampf zu fordern schienen. Aber nach jeder Nachricht von wirklichen oder scheinbaren Siegen gewannen jene quälenden Fragen größere Macht über den Kaiser und er arbeitete dem Feld- herrn entgegen, soweit er es mit Vorsicht thun zu können glaubte. Bezeichnende Kußerungen hierfür finden wir bei Tacitus Ann. I 52:»Nuntiata ea Tiberium laetitia curaque adfecere. gaudehat oppressam seditionem: sed quod.. favorem militum quaesivisset, bellica quoque Germanici gloria, angebatur«. Ebenda II 5:»Tüberio hand ingratum aceidit turbari res Orientis, ut ea specie Ger- manicum suetis legionibus abstraheret novisque provinciis impositum dolo simul et casibus obiec- karet«. Und besonders II 26:»nec dubium habehatur labare hostes.. et si proæima aestas adiceretur, posse bellum patrari. sed crebris epistulis Tiberius monebat, rediret..: satis iam eventuum, sdtis casuum. prospera illi et magna proelia: eorum guoque meminisset, quae venti et fluctus, nulla ducis eulpa, gravia tamen et saeva damna intulissent... posse et Cheruscos ceterasque rebellium gentes, quoniam Romanae ultioni C) consultum esset, internis discordiis relinqui... Si foret adhuc bellan- dum, relinqueret materiem Drusi fratris gloriae«. Daß Germanicus, welcher auch das wiederher- gestellte Aliso entsetzte(II 7), bis ins Jahr 16 langsame, aber entschiedene und immer wachsende Erfolge erreicht hat, ist gewitz nicht zu bestreiten. Und gerade jetzt entschloß sich Tiberius diesmal kaum von der Sorge für die Einheit des Kaisertums, sondern höchstens nebenher von dem Wunsche, größere Ausgaben und Schädigungen möglichst zu vermeiden, ¹) erfüllt, in der Hauptsache aber von dem höchsten Grade egoistischen Mittrauens geleitet, und ganz gewiß nicht im Sinne des Augustus seine Erfolge nicht zur Vollendung kommen zu lassen, sondern ihn rasch von dem Schauplatze seines Ruhmes abzuberufen. Es war ein großer Entschluß: hätte Germanicus der Siegreiche, der Liebling von acht Legionen, nicht gehorcht, so war der Krieg da, in welchem Tiberius schwerlich die günstigeren Aussichten hatte: aber auch diesmal handelte Germanicus als Ehrenmann und gehorchte. Es war wohl nur ein sch wacher Trost für ihn, daß er, nachdem er mit einer nicht starken UÜbertreibung sein Siegesmal in Deutschland mit»debellatis

¹) Ranke, welcher hier die Sorge für gute Finanzen als die Haupttriebfeder des Tiberius ansieht, nimmt doch bei anderer Gelegenheit auch Eifersucht als solche an(S. 63) und sagt:»Möglich, daßz Tiberius Vorkehrungen getroffen hat, um nicht Germanicus sich über den Kopf wachsen oder ihn eine unbotmäßige Stellung im Orient einnehmen zu lassen«(S. 67). Gymnasium 1889. 3