III.
Wir fassen das Ergebnis der bisherigen Untersuchung dahin zusammen, daß Drusus, Tiberius, Domitius, abermals Tiberius, und Varus die Aufgabe hatten Germanien bis zur Elbe der dreigeteilten gallischen Provinz, deren oberste Leitung mit dem Kommando der rheinischen Legionen verbunden war, hinzuzufügen, und daß nach der Teutoburger Niederlage Tiberius und dann Germanicus von neuem demselben Ziele nachzustreben hatten.
Ob eine Provinz Germania für spätere Zukunft»geplant« war, ist uns völlig unbekannt; bestanden hat sie jedenfalls noch nicht;¹) weder Sentius Saturninus oder Vinicius noch Varus waren Statthalter einer solchen Provinz.
An dieser Stelle ist auch die Frage zu besprechen, ob Augustus(etwa weil er die nach der Teutoburger Schlacht unternommenen Feldzüge als nutzlos erkannt habe) schließlich in seinem Testament selbst den Rat gegeben habe, sich mit der Rheingrenze zu begnügen. Es beruht diese mehrfach, u. a. auch von Hirschfeld(Comment. philol. S. 434) vertretene Ansicht vorzugs- weise auf den Worten des Tacitus, das Testament habe enthalten»consilium coercendi intra terminos imperii«(Ann. 1 11). Ausführlicher steht dasselbe bei Dio LVI 33, 5:»Er riet ihnen sich mit dem Vorhandenen(roisς παοσι) zu begnügen und das Reich nicht erweitern zu wollen, es würde sonst schwer zu bewachen sein... Dies befolgte er auch selbst immer mit Wort und That« ff. Die Grenze des Reiches bildete aber für Augustus in seinen letzten Jahrzehnten nicht der Rhein sondern die Elbe; das zeigt deutlich seine eigene schon erwühnte Kußerung in dem monumentum Ancyranum, welches sich selbst als im 76. Lebensjahre des Kaisers(13 n. Chr.) geschrieben bezeichnet:»provincias... a Gadibus ad ostium dlbis fluminis pacavi,« und zeigt ebenso deutlich der Umstand, daß der Kaiser in seinen letzten Jahren keine geringeren Männer. als die beiden, welche ihm und dem Thron am nächsten standen, an die Spitze der Rheinarmee stellte. Intra terminos bedeutet also soweit es die Nordgrenze petrifft: das Gebiet bis zur Elbe solle zurückerobert, über die Elbe hinaus aber das Reich nicht ausgedehnt werden. ²)
Augustus starb am 19. August 14 und ihm folgte auf dem Throne der schon 56jührige Tiberius. Aber die Truppen am Rhein nahmen diesen Thronwechsel nicht ruhig hin. Sie wünschten zum Kaiser den noch jugendlichen Germanicus, von dessen Herrschaft sie sich größere Ehren und Vorteile versprachen, und fühlten in sich die Kraft dem Wunsche die Ausführung folgen zu lassen. Daß sie ihm die Herrschaft wirklich antrugen, deutet Velleius an, andere sprechen es deutlich aus, ja nach Dio riefen sie ihn sogar zum Kaiser aus.²) Germanicus brauchte nur zu wollen, so war ihm das Gelingen beinahe gesichert. Aber er wollte nicht, sondern bemühte sich selbstlos und zuletzt erfolgreich die Legionen zum Gehorsam gegen Kaiser Tiberius zu pringen. Dieses Ereignis hatte auf die Entwickelung der hier von uns behandelten Fragen den größten
¹) Ob auch daraus, daß manche griechische Schriftsteller die Germanen Kedlrot und ihr Land Kelrizn nennen, irgend welche Folgerungen in unserem Sinne zu ziehen sind, soll hier nicht untersucht werden. Keinen- falls ssen sich entgegengesetzte Schlüsse ziehen aus taciteischen Stellen wie»Treveri externae fidei«(Ann. I 41), in denen Tacitus unwillkürlich die Zustände seiner Zeit zu Grunde legt. So Belgarum I 43.
²) In anderem Sinn war allerdings später Tiberius»proferendi imperü incuriosus«(Tac. Ann. IV 32).
³) Velleius II 125.— Tac. Ann. I 35. Sueton. Tib. 25. Cal. 1.— Dio LVII 5, 1.


