Heer kehrte nach den Erfolgen des Sommers nun jedesmal auf das linke Ufer zurück. Allein dies ist nur zu natürlich; denn die Feldherren wulzten, daßs für ihre neuen Legionen den nunmehr vereinigten und durch ihre Erfolge erstarkten Feinden gegenüber die äufzerste Vorsicht geboten war, die zudem dem höheren Alter des Tiberius und dem kaiserlichen Befehl entsprach: hütten sie also, während man sogar nach den ersten großen Siegen des Drusus noch 16 Jahre gewartet hatte, bis man sich zum erstenmale zu einem Winterlager in den Wüäldern Germaniens entschloß, ein solches jetzt nach der großen Niederlage schon in den ersten Jahren wagen sollen? Mit wie großer Vorsicht man verfuhr, um ja nicht wieder in die verhängnisvolle Unvorsichtigkeit des Quintilius Varus zu verfallen, zeigt unter anderem die Erzühlung des Suetonius(Tib. 18): Tiberius proximo anno repetita Germania, eum animadverteret Varianam cladem temeritate et neglegentia ducis aceidisse, nihil non de consilii sententia egit; semper alias sui arbitrii contentusque se uno, tune praeter consuetudinem cum compluribus de ratione belli communicavit. Curam quoque solito ewactiorem praestitit«, und vieles weitere, auch daß er nun in den Schlachten»minimunm fortunae casibusque permisit«(c. 19). Da ist es nicht zu verwundern, daß er, wenn auf seinem Zuge, wie Dio sagt,»kein Feind mit ihm handgemein wurdes, sich erst recht vorsichtig verhielt, und des Geschickes des Varus eingedenk sein Heer vor allem Unerwarteten zu sichern suchte. Diese Vorsicht verhinderte aber auch, daß die Deutschen sich dem Rhein näherten, an dem sie sich erst 14 zeigten, und damals, wiesselbst Tacitus zugiebt, nur durch die Ereignisse seit dem Tode des Augustus veranlaßzt(Ann. I 50).— Endlich würde sich auch, wenn Rom alles auf- gegeben hätte, schwerlich bei den Cheruskern eine römerfreundliche Partei noch bis 15 haben halten können, wie sie doch unter Führung des Segestes thatsächlich bestand.
Aus all diesem sehen wir, daß zwar das militärische Verfahren den veränderten Um- ständen angepaßt, daß aber keineswegs die Politik, die Pläne des Reichs verändert wurden, denn diese hatte viehnehr nach wie vor als letztes Ziel: die Unterwerfung Germaniens bis zur Elbe. Und daß auch Sueton ebenso wie Velleius und Dio nicht etwa den Jahren 10 bis 13 die Jahre 14 bis 16 als eine Zeit, in welcher die frühere Politik von neuem aufgenommen wurde, ent- gegengestellt wissen wollte, sieht man aus seinen Angaben über die kriegerischen Ereignisse beider Zeiten. Aus den ersten Jahren sagt er(Tib. 19):»Tiberius proclia, quamvis minimum for- tunae casibusque permitteret... constantius inibat... Sed re prosperèe gesta. non multum afuit quin a Bructero quodam oceideretur«. Von den letzten Jahren aber sagt Suetonius nichts weiter als: „Germanicus.. missus ad exereitum in Germaniam... hoste moxæ devicto triumphavit«(Suet. Cal. 1). Dio endlich sagt von den Feldzügen des Germanicus nach dem Tode des Augustus: „Germanicus fürchtete, sie möchten einen neuen Aufstand versuchen, deshalb machte er einen Einfall in Feindesland, wo er den Soldaten Thätigkeit verschaffte und viele Lebensmittel von den Feinden für sie gewann und länger verweilte«(LVII 6, 1) und...»Der Feldzug gegen die Germanen(Kelroi) war für Germanicus erfolgreich und er rückte bis an den Ocean vor, schlug die Barbaren mit Macht, sammelte und bestattete die Gebeine derer, die im Heere des Varus gefallen waren, und brachte die Feldzeichen des Heeres zurück«(LVII 18, 1). Er vollendete
also, was Tiberius begonnen hatte.


