II.
Wir haben dargethan, daß es eine Provinz Germanien bis 9 n. Chr. nicht gegeben hat. Bisweilen wird nun angenommen, daß die große Niederlage des Varus in der Gestaltung der römischen Politik gegenüber den Deutschen eine entscheidende Wendung herbeigeführt habe (So z. B. von Marquardt, Röm. Staatsverwaltung I?² 272 f.), obwohl dieselbe nur von einigen Stämmen, und nicht von einer nationalen Bewegung, die die Germanen jener Zeit überhaupt noch nicht kannten, ausging.¹) Mommsen sagt, daß damals Augustus das eroberte Germanien „»verloren gab«; es sei schwer zu begreifen, aber es sei Thatsache,»daß die Aufreibung einer Armee von 20,000 Mann ohne weitere unmittelbare militärische Consequenzen der großen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat«(R. G. V 50 f.). Es sei, sagt er(ebd. V 45)»eine veränderte Politik« beschlossen worden. Die nächste Frage ist, worin denn diese Veränderung der Politik bestanden habe. Sagt doch Mommsen selbst(ebd. V 44)»die Niederlage war in so fern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee sofort nicht bloß ergänzt, sondern ansehnlich verstärkt ward«(vgl. S. 108), und S. 45:»das große, beide Heere umfassende Kommando blieb, und es plieb also auch im kaiserlichen Hause.... Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen«. Die Veränderung der Politik könnte nun vielleicht in dem Sinne gemeint sein, daß»thatenlose Jahre«, wie Mommsen S. 45 die zu- nächstfolgenden Zeiten nennt, folgen und die Offensive aufgegeben werden sollte? Mommsen (S. 51) nimmt an, Augustus habe damals, und mit ihm Tiberius, die Vorschiebung der Grenze bis zur Elbe»als unausführbar erkannt«, da sie den Sparsamen»die Kräfte des Reiches zu über- steigen schien«. Daß aber eine solche Veränderung in Ansichten und Absichten damals ein- getreten sei, oder aus den Maßnahmen sich folgern lasse, wage ich zu bestreiten. Vielleicht, möchte ich meinen, hat der Ausspruch des Florus II 30»hac clade factum est ut imperium quod in litore Oceani non steterat, in ripa Rheni fluminis staret«, der nur den Wert einer glänzenden rhetorischen Antithese besitzt, auf die moderne Geschichtsauffassung ebenso wie andere Aussprüche dieses Popularhistorikers mehr als billig Einfluß geübt?²). Betrachten wir nur einfach die That- sachen. Der erste Eindruck, den die Niederlage des Varus in Rom hervorrief, war allerdings ein wahrhaft erschütternder, sodaß Augustus sich den schlimmsten Befürchtungen hingegeben haben soll; kaum aber war bekannt geworden, daß das Vordringen der Germanen zum Rhein durch L. Asprenas zum Stillstande gekommen sei, so griff ruhige Überlegung Platz, und der Kaiser sandte von neuem den schon zweimal erprobten Tiberius als Inhaber der großen gallischen Statthalterschaft“) an den Rhein. Schon diese Wahl deutet darauf, daß es nicht bloß auf eine
¹) Dennoch war Arminius wirklich, wie ihn Tacitus ann. II 88 richtig bezeichnet,»liberator Germaniae«, insofern als er eine Thatsache herstellte, welche die römische Politik, wenn auch aus ganz anderem Grunde, später im Jahre 17 anerkannte, die deutsche Freiheit. Er bereitete sie vor durch seinen Sieg im Teutoburger Walde und vollendete sie(hier gebe ich die Auffassung des Herrn Dir. Reinhardt wieder) durch die Schädigungen, die er dem Germanicus später zufügte und die den Tiberius(16) zu dessen Abberufung veranlaßten. Allerdings bildeten diese Schädigungen, wie weiterhin darzustellen ist, nur einen und zwar nicht den wichtigsten Grund der Abberufung des Germanicus.
2) Vgl. Ranke, Weltgeschichte III, 2¹ S. 272.
³) Vgl. Velleius II 121, 1, s. unten.


