Aufsatz 
Schillers Wallenstein als tragischer Charakter
Entstehung
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12 mit Verletzung der schuldigen Treue gegen seinen Kaiser, wozu sich noch ein gewisses Gefühl der Gereiztheit und Rache über seine frühere ungerecht- fertigte Absetzung gesellt. Diese Bedingungen sind die ersten Ursachen des Gegenspiels, das er gegen sich aufruft, welches, immer mehr und mehr zunehmend an Gewalt, ihn plötzlich vor eine Frevelthat stellt, vor der er zurückschaudern muss. Aber doch, nicht fähig mehr, sich dem einmal um ihn gezogenen Netze zu entziehen, muss er handeln und zugrunde gehen.

Die Ubermacht der reagierenden Gewalten aber hätte, so ohneweiters hingestellt, den Helden schwächer, kurzsichtiger, kleiner gezeigt, mehr als er es sein durfte. Darum musste ihm ein Grundzug gegeben werden, der ihm seine Größe und unser Interesse bewahrte und auch erklärte, wie solch ein bedeutender und überlegener Mann doch seiner Umgebung unterliegen konnte. Dieser Grundzug wurde Wallensteins Neigung zur Astrologie und der feste Glaube an dieselbe, welchen er mit den meisten seiner Zeitgenossen theilte, den aber der Dichter, um ihn nicht als bloße Caprice seines Wesens erschei- nen zu lassen, adeln und vergeistigen musste. So wurde Wallenstein der tiefsinnige, inspirierte, gehobene Mann, der mitten im Getriebe einer blutigen, ereignisreichen Zeit den Blick unverwandt nach der Höhe richtet, wo er die stillen Regenten seines Lebens zu sehen glaubt. Dieses träumerische Spielen mit unbegreiflichen Größen erweckte in ihm wieder die Neigung zum Experi- mentieren und Versuchen und zu doppeldeutigem, verstecktem Handeln, welches den scheinbar Freien allmählich in das Netz des Verrathes verstrickt.

Dieser große, seltsame Grund hätte sein Verbrechen erklärlich gemacht, aber hätte ihn noch nicht genug menschlich nahe gebracht, um tragisch zu wirken. Der Dichter theilte daher dem Helden Eigenschaften zu, die er ihm als Historiker abgesprochen hatte, machte ihn zu einer liebenswürdigen Persönlichkeit, zu einem Manne, der das Bedürfnis zu vertrauen und zu lieben hat; während jener verhängnisvolle Glaube an die Sterne das Ver- trauen und die Liebe zu Personen, die er sich dadurch verklärte, steigerte, so dass es sein Verderben wurde. So aber ist Wallenstein dem Herzen näher gebracht, sein Charakter vertieft und eine originelle Bewegung für sein Inneres gewonnen.

Den Gesetzen des Dramas gemäß ist Wallenstein also ein«gemischter- Charakter, ein Mensch wie unser einer, kein durchwegs moralisch gutes Wesen, wie es schon die Geschichte auch nicht gab, aber auch nicht durch- wegs schlecht, sondern so geartet, dass gute und böse Eigenschaften in gewissem, gewöhnlichem Einklange zueinander stehen. So ein Mensch unseresgleichen vermag durch sein Leiden uns zu rühren, Mitleid, und das auf uns selbst bezogene Mitleid, die Furcht, zu erregen; wir sehen und fühlen, warum ein so gearteter Charakter unter gegebenen Verhältnissen nicht anders handeln konnte, wir fühlen uns aber auch schöpferisch über die Gestalt des leidenden Helden fröhlich erhoben, einig mit der großen, weltregierenden