Aufsatz 
Schillers Wallenstein als tragischer Charakter
Entstehung
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Unglück für den Lebenden, dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte ein Unglück für den Todten, dass ihn dieser Feind über- lebte und seine Geschichte schrieb.»

Wohl selten wird ein Historiker die Unzuverlässigkeit seiner geschriebenen Geschichte in dieser Weise aussprechen, aber dem Dramatiker war die bewusste und offen ausgesprochene Unzuverlässigkeit eine Ursache mehr, mit dem ge- gebenen geschichtlichen Stoffe freier schalten zu können, um des Helden Charakter zu einem tragischen zu machen, das heißt, ihn«menschlich näher zu bringen».

Wallenstein fiel, nicht weil er rebellierte, sondern er rebellierte, weil er fiel, wurde auch der Grundgedanke des Dramas, der goldene Faden, der sich durch dasselbe zieht; jener Gedanke also, den der Dichter schon beim Studium des Stoffes und der Quellen hatte. Ein vorbedachter Verrath, der dem Helden schon vom Anfang an innerlich feststand, hätte die höchste dramatische Aufgabe ausgeschlossen, den Entschluss aus der leidenschaftlich bewegten Seele des Helden herauszuarbeiten, darzustellen, wie Wallenstein zum Verräther wird, allmählich, durch sein eigenes Wesen und den Zwang der Verhältnisse. Für das Drama musste die Idee also folgendermaßen umgewandelt werden: Ein an sich edler Feldherr wird durch die übergroße Macht, durch die Intriguen der Gegner und sein stolzes, unbezwungenes Herz bis zum Verrathe an seinem Kriegsherrn gebracht; er versucht das Heer zum Abfalle zu verleiten, wird aber von der Mehrzahl seiner Officiere und Soldaten verlassen und getödtet. Die Macht wurde es also, die sein Herz verführte, und das Lager, welches sein Verbrechen erklärte(Prolog 117 118), die größere Hälfte aber seiner Schuld wurde den unglückseligen Sternen zugewälzt. Nicht eine plötzlich von kalter Lei- denschaft gezeugte UImwandlung machte ihn schuldig, nicht sein von Natur aus zum Verrath geneigtes Herz bewirkte es, sondern der Zwang der Ver- hältnisse, welche er freilich durch sein eigenes Wesen heraufbeschworen.

In der Geschichte des dreißigjährigen Krieges» hat die That ihre Wurzel in Wallensteins Charakter selbst, sie ist eine frühzeitig reif gewordene Frucht seines maßlosen Ehrgeizes und seiner Rachsucht; im Drama aber ist des Helden Charakter im Grunde ein edler, und sein Ehrgeiz ist zein mild erwärmend Feuer», eine Tugend. Vom Glücke begünstigt, bringt Wallenstein sich und seinen Kaiser zu hohen Ehren, aber die Versuchung wird zu stark; sein Ehrgeiz steigert sich allmählich und unbewusst zur Ehrsucht. Er strebt nun einen für sein Vaterland zwar glorreichen Frieden an, doch unter Bedingungen, die seiner Ehrsucht genügen sollten, einen völligen Umsturz der Dinge, selbst

¹ Abgesehen davon, dass es dem Dichter überhaupt nicht auf die historische Wahrheit an und für sich ankommt, sondern auf die poetische Wahrheit, auf die innere Nothwendigkeit der Sache, die Naturwahrheit. Und Schiller hat von dieser poetischen Licenz weidlich Gebrauch gemacht. Vgl. S. 14 fl.