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Gelegenheit können die Codicille mitgenommen worden ſein; wahr⸗ ſcheinlicher wird es jedoch, und dazu würden die Nachrichten des Piſtorius beſſer paſſen, wenn man noch einige Jahre hinzuzählt und das Abhan⸗ denkommen der Codicille in die Regierungszeit des Abtes Wolfgang Schutzbar v. Milchling(1558— 1567) ſetzt; wir hätten hier an den Beſuch des Centurionen Mathias Flacius aus Albona in Illyrien*) zu denken, deſſen Beſtrebungen, wie ſchon die Zeitgenoſſen bemerkten, Material für ſeine, im Verein mit ſeinen anderen Mit⸗ arbeitern, Faber, Wigand, Judex u. ſ. w. herauszugebende Kirchengeſchichte herbeizuſchaffen, nicht immer als ein ganz redliches geſchildert wird, ſo daß ſich noch in manchem Buche der Bibliotheken bei fehlenden Seiten, welche er ausgeſchnitten hatte, die Bemerkung eingetragen findet:„hic culter Flacii.“²); derſelbe wird der Entwen⸗ dung ganzer Schriften beſchuldigt und darum nennen auch ſeine Gegner ſein Werk„vollendet durch Diebſtahl und Tem⸗ pelraub eines gottvergeſſenen Ueberläufers.“³) Das Werk führte den Titel: Centuriae Magdeburgenses historiae eccle- siasticae. Auf dieſen Flacius paßt dann auch, was Piſtorius wei⸗ ter von dem ſpäteren Beſitzer der Manuſcripte ſagt, daß derſelbe in den mannigfachſten Schickſalen des Lebens umhergeſchlagen, viele ſeiner Bücher, da er dem Weine ſehr geneigt geweſen wäre, um Geld zu bekommen, verkauft und verſetzt habe und daß ſo die Fuldaer Codicille in den Beſitz eines Grafen gekommen, in deſſen Bibliothek geblieben ſeien, bis ſie durch Erbſchaft in die Hände des Grafen Joh. Georg von Zollern, den Sohn Eitel Friedrichs von Zollern kamen, wo ſie Piſtorius gefunden und deſſen Heraus⸗ gabe bewirkt hat. 1557 war nänlich Flacius Profeſſor in Jena, 1561 wurde er ſeiner Profeſſur entſetzt, er lebte nun umherziehend in Regensburg, dann in Antwerpen, Strasburg, Berlin und Frank⸗ furt a. M., wo er im Maria Magdalenen⸗Hospital in Armut ſtarb. Bei ſeinem Aufenthalte in Fulda könnte er nun die Bekanntſchaft jenes Ritters gemacht haben, der, wie Piſtorius erzählt, beim Abte in großem Anſehen geſtanden und durch deſſen Angehörige er die Bücher„mit vielen andern zum Gebrauche entnommen hatte.“ Darüber ſind wir nämlich durch die eigenen Angaben Flacius im Klaren, daß er 1561 in Fulda war und daß er dort den Mönchen„einige noch nicht edirte Codices abgerungen“ habe. Es dürfte danach mehr wie wahrſcheinlich ſein, daß dieſer
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¹) Geb. März 1520; ſein Namen ſoll aus Vlacich oder Flach entſtanden ſein. ²) Schannat, h. f. I, 66„execrandus Flacii IIlyriei culter.“ ²) Erſch und Gruber Eneyclop. Band 45.


