Aufsatz 
Tilly : ein Charakterbild aus den Zeiten des dreißigjährigen Krieges / von H. Maul
Entstehung
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Wie ein gewaltiger Bergſtrom auf einmal hervorbricht und ſeine verderblichen Fluten über ſööne Matten und durch liebliche Thäler ergießt, Schrecken und Verzweiflung ſeinen Bewohnern bringend, o wälzte ſich am Anfang des 17. Jahrhunderts jene unheilvolle Flut kriegeriſchen Lebens durch die deutſchen Gauen, welche dieſelben von der Donau Strand bis zu den Niederungen der Weſer, vom Rhein bis zur Elbe Luſtete, ſo daß es Jahrzehnte dauerte, bis ſich dieſelben wieder von den erlittenen Kriegsſchäden erholen konnten. Freilich kam dieſe heranbrauſende Gefahr der Zerſtörung nicht unerwartet, war man ja ſchon lange darauf vorbereitet, waren einzelne Streitigkeiten der Fürſten unter⸗ einander, Zwiſtigkeiten der Städte und religiöſe Differenzen die traurigen Vorzeichen davon geweſen. Auch hatte der Gegenſatz zwiſchen kaiſerlicher Macht, habsburgiſchem Hausintereſſe und deutſchem Volkstum, der Gegenſatz zwiſchen dem alten und neuen Glauben genug Zündſtoff angehäuft, um eine blutige Kataſtrophe herbeizuführen. Es gehört nicht in das Bereich meiner Aufgabe, auf die Urſachen näher einzugehen, welche jene gewaltige kriegeriſche Umwälzung hervorgerufen haben, nochviel weniger will ich davon reden, in wie weit die Proteſtanten und Katholiken bei dieſer blutigen Auseinanderſetzung im Recht oder Unrecht geweſen ſind; die objective Geſchichtsſchreibung hat darüber längſt Klarheit gebracht. Es gilt mir vor allem darum, an der Hand der Ereigniſſe aus jenen Jahren, die wie ein ſchwerer Alp auf dem deutſchen Volke lagen, ſeine Kraft lähmten, ſeinen olſtand vernichteten, ſeine Sicherheit und Ordnung ſtörten, ihm ſeine beſten Männer raubten, das zum Theil immer noch falſch beurtheilte Bild eines Mannes zu entrollen, welcher mit dem Schickſal unſeres Vaterlandes innig verbunden geweſen iſt und durch ſein Eingreifen in das blutige Würfelſpiel vielfaches Lob von der Partei, für welche er gekämpft, aber auch großen Tadel von ſeinen Gegnern eingeerntet hat. Sein Kriegsleben zieht ſich wie ein rother Faden durch die Geſchichte des dreißigjährigen Krieges. Wenn man ihm auch jenes Brandmal der Zerſtörung von Magdeburg nicht aufdrücken will, ſo hätten ihm doch ſchon die Schlachten, die er geſchlagen, die Siege, die er erfochten, in der Geſchichte einen Namen geſichert, der dauernder als Erz und Stein wäre. Sein vollſtändiger Name iſt:

Johann Tſerclaes von Tilly.

Entſproſſen ¹) einem der älteſten und berühmteſten Geſchlechter von Brabant, wurde Tilly, als der zweite Sohn des kaiſerlichen Kriegsraths Martin Tſerclaes von Tilly und der Dorothea von Schierſtädt, im Februar 1559 in Brüſſel geboren. Da ſein Vater zu jenen 400 niederländiſchen Edlen gehörte, welche den ſogenannten Compromiß unterzeichneten und dadurch der ſpaniſchen Macht in den Niederlanden unter dem Namen der Geuſen eine nachhaltige Oppoſition bereiteten, ſo wurde er aus ſeinem Vaterlande verbannt. Er erlangte aber wieder ſeit dem Jahre 1574, unter der Bedingung des Sichfernhaltens von ſeinen bisherigen Freunden und den Führern der Empörung, des ſpaniſchen Königs Verzeihung. In dieſe Zeit der Verbannung fallen die erſten Jugendjahre des Knaben. In ſeinem zehnten Jahre wurde derſelbe von ſeiner Mutter der Obhut und dem Unterrichte der Jeſuiten in dem Collegium zu Chätelet und ſpäter zu Köln anvertraut. Er erhielt alſo in der Schule derſelben el gidien Hunderſchaſ ſeine Ausbildung, wie ſein großer Waffengefährte Albrecht von Wallenſtein zu Olmütz ²).

Kein anderer Orden zeichnete ſich je durch ſo glänzende Talente, durch ſo eiſerne Willenskraft, Beharrlichkeit und Ausdauer, durch ſo raſtloſe Thätigkeit, durch ſo ausgebreitete Wirkſamkeit und ein ſo allgemeines Erfaſſen aller menſchlichen Angelegenheiten aus, wie die Geſellſchaft Jeſu, der aber nichts zu niedrig, nichts zu gut und nichts zuſchlecht war, um es nicht in ihr finſteres Gewebe zu verarbeiten und zu ihrem Zwecke zu benutzen). Schon damals hatte die

Vergl.: ¹) Villermont, Tilly. 2) Ranke, Geſchichte Wallenſtein's, S. 6. 3) Jordan, die Jeſuiten und der Jeſuitismus. 4*