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welche amtliche Befugniſſe und Rechtstitel meiner Stellung verleihen, viel zu bedeuten habe. Wie ich mich gerne von Ihnen belehren laſſen werde in dem, was Sie beſſer verſtehen als ich, ſo erwarte ich, daß Sie willig eingehen werden in meine Anſchauungen und Beſtrebungen, die niemals ein anderes Ziel haben ſollen, als das Gedeihen unſerer Schule, das Wohl unſerer Schüler, und nicht zum mindeſten auch Ihr Glück und Wohlbefinden, meine Herren Kollegen.
Das ganze Werk aber wollen wir in Gottes Hand ſtellen, an deſſen Segen ja Alles gelegen iſt, und ohne den ſelbſt die geſchickteſten Bauleute vergeblich arbeiten am Baue der Jugendbildung. Als mir am letzten Pfingſt⸗ ſonntag die Kunde wurde, daß ich dieſe Schule zu leiten haben würde, habe ich Gott den Herrn recht demütig gebeten, mich für mein neues Amt mit ſeinem heiligen Geiſte zu erleuchten. Er hat mir den Mut gegeben, mich aus meinen Bonner Verhältniſſen loszureißen; er wird mir auch die Kraft nicht verſagen, mein Amt hier ſonder Furcht und Scheu, feſt und gerecht zu führen.“
Zum Schluſſe beſtieg Herr Dr. Oelsner die Rednerbühne. Er ſchilderte den alten deut⸗ ſchen Rechtsbrauch bei Einführung eines neuen Herzogs, wie dieſer, von zwei Landherren geleitet, dem marmelſteinernen Herzogsſtuhl nahte, den in unüberſehbarer Reihe die Bevölkerung umſtand; wie einer der Landſaſſen bei ſeinem Anblicke vom Stuhl herab die Frage that:„Wer iſt's, der ſo würdig einherzieht? liegt ihm des Landes Wohl am Herzen? iſt er ein gerechter Richter?“ und wie aus der Menge die einſtimmige Antwort ertönte:„Er iſt's und wird es ſein!“ worauf jener vom Stein herabſtieg, der neue Herzog darauf Platz nahm und dem Volke Recht und Ge⸗ rechtigkeit gelobte.— Die Schule begehe heute eine ähnliche, zugleich ernſte und fröhliche Feier. Er begrüße den neuen Direktor namens der Schülerſchaar, die, aus ſorgfältiger Erziehung her⸗ vorgegangen, der Einwirkung der Schule einen bereitwilligen und empfänglichen Sinn entgegen⸗ bringe; namens der Kollegen, die, von wiſſenſchaftlichem und ſittlichem Geiſte getragen, ſich freu⸗ dig als dienende Glieder dem Ganzen anſchließen. Im Hinblicke auf die Erfolge gleichen Wirkens an anderem Orte ſehe die Schule ihn voll froher Zuverſicht an die Stelle des Mannes treten, deſſen Verdienſte der Herr Regierungskommiſſarius in ſo wohlthuender Weiſe hervorgehoben habe, und heiße ihn von ganzem Herzen willkommen!
Der Candidatus probandus Herr Auguſt Rhode aus Corbach verließ die Schule Oſtern 1880, um einem Rufe an die höhere Bürgerſchule in Arolſen zu folgen. Der durch Verfügung des Kgl. Provinzial⸗Schulkollegiums vom 28. Januar 1880 uns zugewieſene Schulamtskandidat Herr Dr. J. Notthaft aus Frankfurt am Main abſolvierte das vorgeſchriebene Probejahr.
Mit Ausnahme des Eintritts des Berichterſtatters hat während des ganzen Schuljahres ein Wechſel im Lehrkörper der Anſtalt nicht ſtattgefunden, ſo daß ſich die ganze Kraft des Kollegiums auf den innern Ausbau der Schule legen konnte. Der Wunſch, durch Einheit der Methode und ſcharfes Ineinandergreifen der Thätigkeit der einzelnen Lehrer die Schüler ebenſo wohl zu entlaſten wie zu guten Leiſtungen zu bringen, veranlaßte zu Anfang des Winters das Lehrerkollegium zur Gründung einer„Pädagogiſchen Vereinigung der Wöhlerſchule“, in der, neben den üblichen amtlichen Konferenzen, in monatlichen Zuſammenkünften bisher der lateiniſche und franzöſiſche Unterricht, das Cenſurweſen der Anſtalt, die Bedeutung eines jeden Unterrichts⸗ faches für den deutſchen Unterricht, dann ſpeziell dieſer, und endlich die Erfahrungen der Kol⸗ legen in Betreff des neuen orthographiſchen Regelnbuchs zur Verhandlung kamen, und beſtimmte


