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Feſtſetzungen gemacht wurden. Die aus dem Leben der Schule ſelbſt unmittelbar herauskommenden Anſchauungen und Winſche erzeugten ein ſolches Intereſſe und ſo anregende Debatten, daß bald nicht nur die Fachlehrer, ſondern alle Kollegen der Wöhlerſchule ſich daran betheiligten, gewiß ſehr zum Heile der Anſtalt, denn bei einem ſo großen Kollegium thut es not, daß die einzelnen Mitglieder deſſelben ſtete Fühlung behalten; und grade beim Lehrerſtande ſind freie Diskuſſionen über pädagogiſche und didaktiſche Materien von höchſter Wichtigkeit; derjenige Lehrer wird am freudigſten und erfolgreichſten arbeiten und auch bei Mißerfolgen den Mut nicht verlieren, der am feſteſten von der Richtigkeit und Zweckmäßigkeit ſeiner Sache überzeugt iſt.
Am 28. Juli 1880 ſtarb während der Sommerferien der Schüler der Vorklaſſe 2b, Jean Gerhard, als Opfer der unheilvollen Exploſion bei dem allgemeinen deutſchen Turnfeſte. Er, der eben erſt 8 Jahre alt geworden, war einer der bravſten und tüchtigſten Schüler ſeiner Klaſſe. Am 9. Auguſt bei der Eröffnung des Unterrichts gedachte Herr Kollege Dr. Oelsner ſeiner in der Aula mit herzlichen Worten.
Sonſt war das Befinden der Lehrer und der Schüler während des ganzen Schuljahres ein befriedigendes; erſtere ſahen ſich nur ſelten genötigt, die Vertretung der Kollegen in Anſpruch zu nehmen; letztere ſtärkten ihre Geſundheit durch tägliches munteres Spiel auf dem Turnplatz.
Am 2. September 1880 feierte die Schule das Andenken an die vor 10 Jahren bei Sedan erfolgte Entſcheidung des gewaltigen Völkerkampfes; Herr Kollege Dr. Weber gab dabei eine eingehende Darſtellung der Schlacht und der ihr vorausgegangenen Kämpfe.— Am 22. März d. J. begingen wir den Geburtstag Sr. Majeſtät unſeres allverehrten Kaiſers. Herr Kollege Schlimbach ſprach über die Entwickelung des deutſchen Handels⸗ und Wechſelrechts bis zur vollen Rechtseinheit unter Kaiſer Wilhelm.
Als die Schule ſich mehr und mehr in ihrer allmählichen Entwickelung ihrem Abſchluß näherte, erfüllte die Schüler der oberen Klaſſen, beſonders der damaligen Oberſecunda, der Gedanke, der Eigenart der Schule einen ſchärferen Ausdruck zu verleihen, als es durch eine gewöhnliche Fahne geſchehen konnte. Um Mittel zu gewinnen, veranſtalteten die Schüler unter Leitung ihrer Lehrer eine Aufführung von dramatiſchen Scenen, welche einen bedeutenden pekuniären Erfolg hatte, ſo daß zur Ausführung des Planes geſchritten werden konnte. Herr Architekt Alexander Linnemann ließ ſich freundlichſt bereit finden, einen Entwurf zu machen, der in ſeiner vor— trefflichen Ausführung, beſonders durch die Fürſorge des Herrn Clauer, der neuen Fahne die Bedeutung eines Kunſtwerks ſicherte. Sie hat die Form eines Banners, welches von einer von rothem Sammt umwundenen und von vergoldeter Spitze gekrönten Stange getragen wird. Das Feld der Vorderſeite zeigt auf rothem Grund in Sammt den weißen Adler in Seide, in der ſorgfältigſten Weiſe in Stickerei im Einzelnen durchgeführt. Er wird umgeben von Eichenzweigen, welche unterhalb des Adlers von einem Spruchband durchflochten ſind, das in ſchwarzer Schrift auf weißem Grund den Wahlſpruch trägt: Amat victoria curam. In der rechten und der linken Ecke unten befinden ſich zwei Wappen, welche in Gold auf blauem Grund einerſeits Zirkel und Winkel als das Symbol der realen Richtung der Schule, andererſeits Merkurſtab und Hut als das der kommerziellen Richtung tragen; es iſt damit ein Ausdruck dafür geſucht, daß die Schule nach oben hin ſich in jene zwei Richtungen ſcheidet. Das ganze Feld iſt von einem Rand mit


