Aufsatz 
Das Aquarium des Zoologischen Gartens zu Franfurt am Main
Entstehung
Einzelbild herunterladen

53

ſchaftliche Betreibung der neuern Sprachen, das mathematiſche Zeichnen, die Erdkunde, Volkswirtſchafts⸗ und Handels⸗ lehre ſind zu einer früher nicht geahnten Entfaltung gekommen; Maſchinen, Eiſenbahnen und Telegraphen haben die ganze Phyſiognomie des Erdballs verändert; der internationale Verkehr, der überſeeiſche Handel, Bank⸗ und Finanzoperationen haben wahrhaft großartige Dimenſionen angenommen. Wir erfreuen uns konſtitutioneller Staatsformen; dieſe legen allen Bürgern des Staates neben Rechten auch Pflichten auf, in der Selbſtverwal⸗ tung, im Anteil an der Rechtſprechung, in der Teilnahme an der Regierung durch die Wahlen oder in Ehren⸗ ämtern. Unter der glorreichen Regierung unſeres allverehrten geliebten Kaiſers hat ſich der Traum unſerer Väter verwirklicht, Deutſchland iſt geeint und damit ein mächtiges Land geworden. Wollen wir nicht nur im Herzen, ſondern auch an der Spitze Europas ſein, ſo müſſen wir uns mit Sorgfalt und mit Emſigkeit bemühen, von den Fortſchritten unſerer Nachbarn Kenntnis zu nehmen. Es hat ſo die mächtig fortſchreitende Zeit alle früheren Verhältniſſe verſchoben; der kräftige, tüchtige Bürgerſtand, wie er hier in Frankfurt ſo hervorragend vertreten iſt, kann ſich nicht mehr auf das bloße Erwerben beſchränken, er muß daneben ſich auch an den großen Weltfragen beteiligen; und er läßt ſich dies auch nicht nehmen. Die richtige Erkenntniß dieſer Sachlage hat meiner Meinung nach zur Gründung der Realſchulen I. O. geführt, wodurch eine Ergänzung der Gymnaſien durch die denſelben coordinirten Schweſteranſtalten geſchaffen wurde.

In einem Zeitalter jedoch, in welchem die verſchiedenen Stände und Berufsarten ſich fortwährend durch einander miſchen, iſt es eine beſonders hart empfundene Sache, daß der Vater über ſeinen Sohn, ſobald derſelbe 9 Jahre alt geworden iſt, ſchon für das ganze Leben beſtimmen ſoll. Das iſt in vielen Verhältniſſen ganz unmög⸗ lich, und gar viele Knaben verfehlen ihren Beruf, weil ſie nicht in die für ſie paſſende Bildungsanſtalt gebracht worden ſind. Daher die allgemeine Sehnſucht nach einer Einheitsſchule. Ob eine ſolche überhaupt möglich, wage ich nicht zu ſagen; jeder Verſuch, den das Gymnaſium gemacht hat, dieſem Gedanken Rechnung zu tragen und den Bedürfniſſen der neuen Zeit Folge zu geben, hat damit geendet, daß es entweder ſeinen Charakter alterirte, oder der Ueberbürdung ſeiner Schüler ſchuldig befunden wurde.

Ich glaube, daß den unter den jetzigen Verhältniſſen einzig richtigen Weg zur Einheitsſchule uns unſere Wöhlerſchule, und mit ihr, freilich in etwas anderer Art aber doch nach denſelben Principien, die Realſchule des Johanneums in Hamburg, zeigt: Einheit von Sexta bis Unter⸗Secunda, und zwar auf dem Boden der Realſchule I. O., und dann Teilung in verſchiedene Zweige. Eine organiſche Verbindung zwiſchen dem Lateiniſchen und Franzöſiſchen kann leicht hergeſtellt werden. Die lateiniſche Formenlehre und die franzöſiſche Syntax ergänzen ſich; jene ſteht in Bezug auf Vollſtändigkeit, Regelmäßigkeit, formale Bildungskraft unübertroffen da; dieſe hat durch geiſt⸗ und geſchmackbildende Kraft entſchieden den Vorrang. Laſſe man muthig das griechiſche Scriptum fallen, dann gewinnt man Zeit für eine für den allgemeinen Lebenszweck ausreichende Beſchäftigung mit dem Engliſchen, und behält Zeit genug, ſich mit der griechiſchen Literatur ſo weit vertraut zu machen, wie es für die Geſammtheit der leitenden Klaſſen wünſchenswerth iſt. Ich ſetze dabei als ſelbſtverſtändlich voraus, daß der geſammte Sprachunter⸗ richt in der Schule als eine Einheit aufgefaßt und wie aus einem Guſſe erteilt werde. Teilt man die drei obern Jahreskurſe in eine altphilologiſche, neuphilologiſche, mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftliche und kaufmänniſch⸗volkswirt⸗ ſchaftliche Abteilung, ſo iſt allen Anſprüchen, welche nach dem heutigen Standpunkt der Pädagogik und der Didaxis in den Schulen erhoben werden können, Genüge geleiſtet. Dieſe Abteilungen ſollten nur in den ihnen eigentüm⸗ lichen Fächern getrennt unterrichtet werden, in möglichſt vielen aber gemeinſchaftlich, um die geiſtige Ausbildung ihrer Schüler möglichſt einheitlich und gleichwertig zu halten.

Eins aber iſt allen Schularten, auch in ihrer jetzigen Verſchiedenheit, gemein, die erzieheriſche Thätigkeit. Das Ziel der Bildung iſt überall dasſelbe, nämlich rechtſchaffene und tüchtige Männer zu ſchaffen. Und das ſoll unſere Aufgabe auch in dieſem Hauſe ſein, die uns übergebene Jugend zu erziehen in der Furcht Gottes, in der Treue zu Kaiſer und Reich, zu charatterfeſten tüchtigen Gliedern in Staat und Gemeinde, zu brauchbaren Bürgern dieſer ſchönen Stadt. Ich betone es ganz beſonders, das Gemeinweſen, welches ſo viel wie das hieſige, für die Er ziehung ſeiner Söhne aufwendet, hat auch ein Recht, auf die pietätvolle Anhänglichkeit und Hingebung ſeiner Söhne zu rechnen.

Daß dieſe hohe Aufgabe würdig und erfolgreich gelöſt werde, dazu bedarf ich der vollen und rückhaltloſen Unterſtützung Ihrerſeits, meine verehrten Herren Kollegen. Ich bitte Sie, unſere Schule als einen Organismus anzuſehen, in dem jedes Glied, auch das anſcheinend geringſte, von der höchſten Bedeutung iſt. Einheitliche Auf⸗ faſſung des geſammten Erziehungszweckes wird uns über Differenzen und Meinungsverſchiedenheiten hinweghelfen und zu dem, ſo hoffe ich, führen, was zur erfolgreichen Erziehung dieſer Jugend not thut, nämlich zu harmoni⸗ ſchem Zuſammenarbeiten auf dem geiſtigen wie ethiſchen Gebiete. Ich bin fern von dem Wahne, daß die Stärke,