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Vaterlande pflegen werde, als die Grundlage, auf welcher die wiſſenſchaftliche Arbeit erſt ihr wahres Gedeihen erreichen könne. Er finde hier eine Verwaltung, welche alle äußeren Mittel des Unterrichts reichlich zu Gebote ſtelle, welche der Jugend ihrer Stadt geſunde und ſchöne Räume darbiete, ein Kollegium, welches an pflichttreues, fleißiges Arbeiten gewöhnt ſei, eine Jugend, welcher leichte Auffaſſung und gutwilliges Aufnehmen im Großen und Ganzen nicht abgehe. Er dürfe daher ſicher ſein, einem geſegneten Wirken entgegenzugehen. Nach dem Berichte des Rhei⸗ niſchen Provinzial⸗Schulkollegiums, ſeiner bisher vorgeſetzten Behörde, ſei zu erwarten, daß er ſeine Aufgabe ideal auffaſſen und in idealer Weiſe durchführen werde, und in dieſer Ueberzeugung überreiche er ihm die königliche Beſtätigung ſeiner Berufung.
Dann ſprach nach einigen einleitenden Worten der neue Direktor Folgendes:
„Nicht ohne tiefe Bewegung betrete ich dieſe Stätte, von welcher aus der uns Allen leider zu früh entriſſene Kreyſſig ſo oft Worte der Erbauung und Belehrung ergehen ließ. Uns Allen, ſage ich, denn auch mir war es bei verſchiedenen pädagogiſchen Vereinigungen vergönnt, Zeuge zu ſein von ſeiner männerbeherrſchenden Beredſamkeit, von der Wärme, mit der er ſeine Ueberzeugung vertrat, von den hohen Zielen, die er ſich auf dem Realſchulgebiete ge⸗ ſteckt hatte. Und wenn nach des Tages ernſter Arbeit wir im trauten Zwiegeſpräch zuſammen ſaßen, ſo erzählte er, wenigſtens in früheren Jahren, ſo gerne von ſeiner Frankfurter Thätigkeit, von der polytechniſchen Geſellſchaft, von ſeinen Plänen für die Reorganiſation der Schulanſtalten derſelben. Nicht ahnte ich, daß ich dazu berufen werden würde, einſt ſein Werk hier fortzuſetzen; und doch war ſchon damals dieſe Frage wegen ihrer Bedeutung für die Entwickelung unſeres höheren Schulweſens überhaupt für mich von eminentem Intereſſe.
Ich bin nun berufen, des edlen Mannes Schöpfung wie ein heiliges Erbe zu pflegen und weiter zu ent⸗ wickeln, eine große und lohnende Aufgabe. Frankfurt hat eine weithin anerkannte Bedeutung. Mit den verſchiedenen Phaſen der Geſchichte unſeres deutſchen Vaterlandes von älteſter Zeit an innig verknüpft, gelegen in der Mitte des von der Natur ſo ſehr begünſtigten Weſtens Deutſchlands, zwiſchen den Kulturvölkern Europas, in Handel und Ver⸗ kehr faſt ohne Gleichen, der Geburtsort unſeres Dichterfürſten und ſo vieler in Wiſſenſchaft, Gemeindeverwaltung und Werken der Barmherzigkeit großen Männern und Frauen, die Pflegeſtätte der Kunſt, namentlich auch der die Menſchen veredelnden Muſik,— bietet es einen beſonders empfänglichen Boden für die durch die Realſchule I. O. zu gebende Bildung. Dabei ein mächtiger, unabhängiger, kräftiger Bürgerſtand; eine Verwaltung, die grade auf dem Gebiete des höheren Schulweſens Bewundernswerthes geleiſtet hat und noch immer leiſtet; eine Bevölkerung, die aufgeklärt und wohlhabend genug iſt, um ihren Söhnen eine über das Obligatoriſche hinausgehende Bildung ins Leben mitgeben zu können; lauter Verhältniſſe, die wahrlich für eine Realſchule I. O. nicht zu unterſchätzen ſind. Endlich die Eigenart der Wöhlerſchule, erſt die 6 Vorſchulklaſſen, dann der Realſchulſtamm von Sexta bis Unter⸗Secunda, hierauf Teilung der Arbeit, nach Befähigung, Neigung und Bedürfniß in Realgymnaſium und Handelsſchule. Wahrlich eine für den Schulmann höchſt anziehende Organiſation, in deren Dienſt ich meine ganze Kraft mit Freuden ſtelle.
Freilich verkenne ich die Schwierigkeiten meines neuen Amtes nicht. Es iſt eine mißliche Sache, der Nach⸗ folger eines bedeutenden Mannes zu ſein. Auch an mich wird man vielleicht Anforderungen ſtellen und von mir Hoffnungen hegen, die ich beim beſten Willen bei meiner ſchwachen Kraft nicht werde realiſiren können. Bisher war es mir eine Freude, zu allen meinen Schülern ein perſönliches Verhältniß zu gewinnen; wird mir das auch bei einer Schülerzahl, die 600 überſteigt, möglich ſein? Bisher wirkte ich in einem Lehrerkollegium, welches mit aufopfernder Hingebung meiner Leitung vertraute; werde ich die Kraft haben, auch das hieſige Kollegium, das ſich aus faſt allen Stämmen Deutſchlands rekrutirt hat, in dem gewiß manche Diverſität der Anſichten, in welchem verſchiedene Religionsbekenntniſſe vorwalten, zu einiger Arbeit zuſammen zu halten? Die größte Schwierigkeit aber liegt mir in der Zeitrichtung. Unſer höheres Schulweſen befindet ſich in einem Gährungsprozeß, deſſen Klärung noch nicht abzuſehen iſt. Früher reichte zur ſchulgerechten Vorbildung der höheren, der leitenden Klaſſen das Gym⸗ naſium allein aus. Ich, der ich zu den Füßen Ritſchls und Jahns geſeſſen, der ich von Welcker, Gerhard und Friederichs in die Herrlichkeit der antiken Kunſt eingeführt worden bin, der ich meine lateiniſchen und griechiſchen Klaſſiker noch heute lieb habe und in dem Gymnaſium die Stätte wahrhaft ariſtokratiſcher Geiſtesbildung verehre, kann mich doch der Thatſache nicht verſchließen, daß dasſelbe für die Geſammtheit derjenigen, welche auf Bildung Anſpruch zu machen heute ein Recht haben, nicht mehr ausreicht.— Mathematik und Naturwiſſenſchaften, die wiſſen⸗


