Aufsatz 
Das Gymnasialseminar zu Jena : ein Gutachten / von G. Richter
Entstehung
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angeſtrengte und anſtrengende wiſſenſchaftliche Thätigkeit iſt die Erwerbung der für den Unterricht notwendigen Kenntniſſe gar nicht denkbar ¹), das wird mir jeder Lehrer bezeugen. Eine beſondere Veranſtaltung dieſer Art habe ich übrigens doch zu treffen geſucht, welche zugleich der Anregung zu pädagogiſchem Quellenſtudium dienen ſollte. Ich ſtellte gleich zu Beginn des Halbjahrs dem einen der beiden philologiſchen Kandidaten die Aufgabe Plato's Staat, dem andern Ariſtoteles Politik zu leſen und die auf Erziehung und Unterricht bezüglichen Stellen zu ſammeln und nach gewiſſen Geſichts⸗ punkten zu ordnen. Am Schluſſe des Seminarjahres ſollen dieſe Arbeiten vorgelegt und beſprochen werden. Kleinere Aufgaben im Bezug auf einzelne Schriften namhafter Pädagogen verſchiedener Rich⸗ tungen(Herder, Salzmann) ſind ebenfalls vorbereitet worden.

Im weiteren Verlauf des Seminarjahres werden die begonnenen Uebungen fortzuſetzen, auf weitere Lehrgegenſtände und Klaſſenſtufen auszudehnen, den Kandidaten daneben auch Lehraufgaben kleineren Umfangs zur ſelbſtändigen und fortlaufenden Durchführung bis zum Schluß des Schuljahres zu übertragen ſein ²). Das letztere iſt unerläßlich, wenn der Kandidat ſpäter im Probejahre größere Aufgaben übernehmen ſoll. Nur ſo lernt der Kandidat die Schüler und ſich ſelbſt wirklich kennen, die Zucht ſelbſtändig handhaben; nur ſo können ſich Pietätsverhältniſſe zwiſchen ihm und den Schülern anbahnen; nur ſo ſtellt ſich das Gefühl der Verantwortlichkeit ein; alles Dinge, welche auf das ganze Verhalten in Unterricht und Erziehung von größtem Einfluß ſind, und ohne welche er nie zu zielbe⸗ wußter Selbſtändigkeit gelangen kann ³). Dieſe Lehraufgaben ſind aus dem Unterricht der am Seminar beteiligten Fachlehrer zu wählen, in welchen die Kandidaten durch die vorausgehenden Uebungen bereits eingeführt ſind..

Damit ſind die Veranſtaltungen umſchrieben, welche nach vernünftiger Erwägung und auf Grund praktiſcher Erprobung als zweckmäßig und durchführbar erſcheinen. Sie nehmen aber auch die volle Kraft aller Beteiligten in Anſpruch und ſchließen weitergehende Anforderungen aus, wie ſie z. B. in der PreußiſchenOrdnung§ 5a, Abſatz 4 aufgeſtellt werden. Vieles muß dem Probejahr und dem weiteren Berufsleben vorbehalten bleiben, ſo namentlich das allmähliche Vertrautwerden mit der pädagogiſchen und didaktiſchen Litteratur. Man wird die Seminariſten nur auf wenige hervorragende Schriften(vgl. Zange S. 74) hinweiſen können. Viel zu weitgehend ſind in dieſer Hinſicht die For⸗ derungen von Frick Lehrpr. XVI, 32 f. 34 ff. und Schiller Seminarien S. 115 ff.

Es erübrigt noch die Erledigung einiger Bedenken und Schwierigkeiten. Sind durch die ge⸗ ſchilderten Maßnahmen nicht Störungen des regelmäßigen Lehrganges zu befürchten, und wird die Kraft des Direktors und der beteiligten Fachlehrer nicht in einer Weiſe in Anſpruch genommen, welche die Gefahr einer Beeinträchtigung ihrer ſonſtigen Amtspflichten in ſich birgt? Die in der erſteren Hin⸗ ſicht zu hegenden Bedenken ſind wohl nicht ſo ſchwerwiegend, als ſie zuerſt ſcheinen. Man hat es anderwärts beobachtet ¹) und ich kann es jetzt beſtätigen: Die Schüler gewöhnen ſich ſchnell an die Anweſenheit ſeminariſtiſcher Zuhörer, ja es liegt für ſie, wenn zugleich auch Direktor und Fachlehrer anweſend ſind, ein Sporn zu geſteigerter Aufmerkſamkeit und Leiſtung. Sehr anregend wirkt das Verhältnis auf die unterrichtliche Leiſtung der Fachlehrer. Sie empfangen den ſtärkſten Antrieb, den Unterricht vorbildlich zu geſtalten, ihn zum Gegenſtand ſorgfältiger, in allen Teilen wohl erwogener

1) Wie hierzu die Seminareinrichtungen weſentlich beitragen können, iſt überzeugend ausgeführt von H. Schiller, Pädag. Seminarien für das höhere Lehramt. S. 92 ff. Ich weiſe auf die Forderung einer wiſſenſchaft⸗ lichen Zerlegung der Unterrichtsſtoffe hin.(ſ. S. 8 Anm. 1).

2) S. o. d. Anm. Außerdem iſt die Methodik des geographiſchen Unterrichts(VI IV) und des Latein⸗ unterrichts auf der Mittelſtufe in Angriff genommen worden. Sämtliche Kandidaten haben im zweiten Vierteljahr ſelbſtändige Unterrichtsangaben unter meiner Leitung oder der der Fachlehrer erhalten.

3) Darauf macht beſonders Zange a. a. O. aufmerkſam.