Aufsatz 
Das Gymnasialseminar zu Jena : ein Gutachten / von G. Richter
Entstehung
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gereifte Einſicht, wie man ſie nnr allmählich erlangen kann. Man denke nur an die Schwierigkeiten einer rechten Theorie des Lehrplans!

Es bleibt eine dritte Reihe von Maßregeln zu beſprechen, welche ſich teils auf die Einführung in das Ganze des Schulorganismus und Schullebens beziehen, teils auf die allgemeine Erhöhung der körperlichen und geiſtigen Leiſtungsfähigkeit der Kandidaten mit Rückſicht auf den Erziehungszweck.

Die Kandidaten haben den Lehrerkonferenzen, welche an unſerer Anſtalt von jeher regelmäßig jede Woche einmal ſtattfinden, ſowie den Schulandachten beigewohnt und werden weiterhin auch zur Beteiligung an den Turnſpielen, Ausflügen und an der Aufſicht heranzuziehen ſein. Zur regelmäßigen Pflege eigener Körperübungen(Eislauf, Schwimmen, Rudern, Turnen) wird man ſie zu beſtimmen ſuchen. Die Befähigung zu erſter Hilfeleiſtung bei plötzlichen Unfällen, wie ſie auch im Schulleben zuweilen vorkommen, dürfte durch Teilnahme an den von Univerſitätsprofeſſoren jährlich während einiger Wochen veranſtalteten Kurſen für freiwillige Krankenpflege zu erwerben ſein. Um Verſtändnis für be⸗ ſondere Erziehungsaufgaben(Seelſorge) zu gewinnen, hat jeder Kandidat einen oder einige zurück⸗ gebliebene Schüler der unteren Klaſſen zur Beobachtung und Nachhülfe(im Einvernehmen mit dem Klaſſenlehrer) zugewieſen erhalten. Die Kenntnis der Unterrichtsmittel wird durch den öfteren Beſuch des Jenaer Schulmuſeums in willkommenſter Weiſe erleichtert.

Endlich halte ich noch eine weitere Aufgabe der Seminarbildung für weſentlich, die ich aber ohne Billigung und Unterſtützung der Großh. Staatsregierung nicht zur Ausführung bringen kann.

Ein übereinſtimmend anerkannter, allgemein beklagter Mangel der bisherigen Gymnaſialbildung liegt in der mangelhaften Ausbildung des Auges und der Hand. Es iſt faſt lediglich die Klage über das mangelhafte Sehen der Studierenden, welche Mediciner und Naturforſcher in hellen Haufen ins feindliche Heerlager hinübergeführt hat, über den aber auch die treugebliebenen Freunde humaniſtiſcher Bildung bittere Klage führen. Es iſt nun ſchon an ſich einleuchtend, in wie engem Zu⸗ ſammenhang das geiſtige Sehen mit dem körperlichen ſteht, welchen Anteil das letztere an der Ent⸗ wickelung der geiſtigen Fähigkeiten hat. Daher ſteht die Förderung des Zeichenunterrichtes unter den Reſormbeſtrebungen mit in erſter Linie. Aber vom methodiſchen Zeichenunterricht allein darf man ſich eine durchgreifende Wirkung noch nicht verſprechen. Es muß vielmehr dahin kommen, daß das Zeich⸗ nen den geſammten Unterrichtsbetrieb durchdringt, daß jeder Lehrer nicht nur mit Worten zu beſchreiben verſteht, ſondern auch mit Stift und mit Kreide an der Wandtafel. Pläne, Kartenſkizzen, Grundformen von Gegenſtänden des Unterrichts muß er in den charakteriſtiſchen Zügen vor den Augen der Schüler entſtehen laſſen. Zu ſolcher Fähigkeit muß auch der Schüler gebracht werden, das Skizzen⸗ heft ihn in jeden Unterricht begleiten. Wie ſoll das bei der gegenwärtigen Lage der Dinge anders angebahnt werden, als dadurch, daß man wenigſtens den Kandidaten noch nachträglich Gelegenheit giebt, ſich eine entſprechende Ausbildung im Zeichnen zu erwerben? Hierbei kann es ſich nicht um eigentliche Kunſtübung handeln, ſondern um Anleitung zum körperlichen, ich möchte ſagen, ſtereoſkopiſchen Sehen, zu richtiger Beurtheilung der perſpektiviſchen Verhältniſſe, ſcharfer Auffaſſung deſſen, was für die Form eines Gegenſtandes weſentlich und charakteriſtiſch iſt, und dann freilich auch zur zeichneriſchen Wieder⸗ gabe des Geſehenen wenigſtens in klaren Andeutungen. Vielleicht wäre das durch einen Kurſus im perſpektiviſchen⸗ und Planzeichnen zu erreichen, welcher dem Zeichenlehrer des Gymnaſiums gegen angemeſſene Vergütung übertragen werden könnte; wöchentlich 2 Stunden das ganze Seminar⸗ jahr hindurch würden wohl hinreichen.

Mancher vermißt vielleicht bei den beſprochenen Maßregeln die Anregung zu fachwiſſen⸗ ſchaftlicher Weiterbildung. Dieſe giebt jede Unterrichtsthätigkeit ganz von ſelbſt. Die Kandi⸗ daten bringen von der Univerſität viel weniger Wiſſen mit als ſie zum Unterrichte brauchen. Ohne