Aufsatz 
Das Gymnasialseminar zu Jena : ein Gutachten / von G. Richter
Entstehung
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Gelegenheit erhalten müſſen. Da aber die Fähigkeit, fremden Unterricht mit Nutzen zu beobachten, nur bei eigener unterrichtlicher Thätigkeit ſich entwickerln kann ein Punkt, der in der Preußiſchen Ordnung§ 5 S. 3 überſehen wird, ſo müſſen ſehr bald eigene Unterrichtsverſuche der Kan⸗ didaten unter ſorgfältiger Anleitung und Ueberwachung nebenher gehen. Es entſteht ein Wechſel zwiſchen Muſterlektionen des Direktors oder der Fachlehrer vor den vereinigten Kandidaten und Probelektionen der Kandidaten mit eingehender Vor⸗ und Nachbeſprechung. Die Vorbeſprechung wird an eine von dem Kandidaten einzureichende ſchriftliche Präparation anzuknüpfen haben, welche erkennen laſſen muß, inwieweit der Kandidat die idealen Forderungen der Unterrichtskunſt auf die beſondere Aufgabe anzuwenden beſtrebt geweſen iſt 1). Die Nachbeſprechung wird zu einer ſorgfäl⸗ tigen, in alle Einzelheiten eingehenden Kritik führen müſſen. Für den Gang derſelben empfiehlt ſich das im Univerſitätsſeminar nach älterem Beiſpiel eingehaltene Verfahren: Selbſtkritik des Kandidaten, Kritik der Genoſſen, Kritik des Fachlehrers und des Direktors, indem der letztere eine berichtigende und ergänzende Zuſammenfaſſung als Abſchluß zu geben hat ²). Ein Hauptbemühen des Direktors wird ſein müſſen, für die Einzelheiten immer wieder auf die theoretiſche Begründung aus Pſychologie und Ethik hinzuweiſen, damit die theoretiſche Bildung durch die immer erneute Berührung mit dem An⸗ ſchaulichen etwas innerlich lebendiges werde ³). Hierzu gehört eine lange Gewöhnung. Außer dieſen kritiſchen Beſprechungen bedarf es noch regelmäßiger zuſammenhängender Unterweiſungen über die Methodik der einzelnen Lehrfächer, den Lehrplan und ſeine einheitliche Geſtaltung, die Schul⸗ zucht, Schulverfaſſung u. ſ. w. Es wird den Kandidaten Gelegenheit zu geben ſein, an den mannig⸗ fachen Veranſtaltungen des Schullebens ſelbſtthätig ſich zu betheiligen, die Lehrmittel kennen zu lernen, mit den Mitteln der Schulgeſundheitspflege durch die Anſchauung ihrer Anwendung vertraut zu werden. So noch manches andere, was die Gelegenheit bringt.

Derartige Erwägungen ergeben ſich aus dem Weſen der Sache. Aber erſt die Erfahrung kann zeigen, wie weit das einzelne ſich durchführen läßt. Ich habe daher mit den drei Kandidaten, welche mir zu Gebote ſtanden, ſeit Beginn des Unterrichts im Winterhalbjahr praktiſche Verſuche angeſtellt. Alle drei gehören der ſprachlich hiſtoriſchen Gruppe an(2 ſind Altphilologen, 1 Neuphilologe), in Zu⸗ kunft würde ihnen eine mathematiſch⸗naturwiſſenſchaftliche Gruppe zur Seite treten, deren Anleitung durch einen Fachlehrer unter meiner Aufſicht in ähnlicher Weiſe wie die der anderen Gruppe vor ſich gehen müßte.

1) Ich fordere, daß die ſchriftliche Vorbereitung erſichtlich mache: a. die angeſtellten methodiſchen Vor⸗ erwägungen(GZerlegung des Stoffes in ſeine Glemente ffachwiſſenſchaftlicher Geſichtspunkt], Umformung deſſelben nach den didaktiſchen Forderungen ſſchulwiſſenſchaftlicher Geſichtspunkt]); b. die auf Grund der Vorerwägungen vorge⸗ nommene Gliederung des zu behandelnden Lehrabſchnittes und deſſen Verteilung auf die einzelnen Stunden; c. den Unterrichtsgang der einzelnen Stunde(Darbietung oder Erarbeitung des Neuen, denkende Verarbeitung deſſelben, Einprägung und Uebung); d. das beabſichtigte Unterrichtsergebnis für jede Stunde unter Hinblick auf die beiden Hauptrichtungen des Intereſſe, der Erkenntnis(Verſtandes⸗ und Geſchmacksbildung) und Teilnahme (Gemütsbildung), ſowohl in theoretiſcher, als in praktiſcher Hinſicht(das durch Einſicht gewonnene Kennen und das durch Uebung gewonnene Können).

2) Die Hauptgeſichtspunkte für die Beurteilung ergeben ſich zum Teil aus den Forderungen für die Prä⸗ paration: Auswahl und Anordnung des Stoffes(auch im Verhältnis zur gegebenen Zeit), richtige Folge und Durch⸗ führung der Lehrthätigkeiten(war die Darbietung anſchaulich? wurde die Wandtafel richtig benutzt? wurden genügende Hülfsfragen geſtellt? Richtige Frageſtellung überhaupt u. ſ. w.), Zuſammenfaſſung und klare Herausſtellung des Gewinns. Dazu kommt die Haltung des Lehrers(friſch, anregend, Ton und Zlick, die Rede ſparſam und deutlich) und die Führung der Schüler, endlich der Geſammterfolg der Stunde.

3) Das Abſtrakte darf nie ſcheinen, ſelbſt zur Sache zu werden, ſondern ſeine Bedeutung muß immer wieder durch wirkliche Anwendung auf Sachen geſichert werden. Immer werde die Beſinnung an das Wirkliche wach erhalten. Herbart A. P.