Aufsatz 
Das Gymnasialseminar zu Jena : ein Gutachten / von G. Richter
Entstehung
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Teil der Anleitung abgenommen wird, wenn er ſich bei ſeinen praktiſchen Anweiſungen auf theoretiſche Winke und Hinweiſe beſchränken kann, für welche er bei den Kandidaten auf Verſtändnis rechnen darf.

Das iſt alſo eine Aufgabe, welche das Univerſitätsſeminar nach Weſen und Beſtimmung zu übernehmen recht eigentlich berufen iſt. Hinſichtlich der oben bereits erwähnten praktiſchen Vorteile der hier gewährten Ausbildung füge ich ergänzend noch dies hinzu: In der Seminarſchule ſind die Lehrſtoffe durchſichtiger und einfacher, machen die Anwendung der Theorie leichter und geſtatten ein ſchnelleres Einleben in die Lehrthätigkeit. Beſonders heilſam für den wiſſensſtolzen Kandidaten, welcher, entfremdet der Welt der Kleinen und ihrer Bedürfniſſe, gewöhnt an den Ton des akademiſchen Lehrvortrags nur zu geneigt iſt, denſelben vor der Klaſſe wiederhallen zu laſſen recht heilſam iſt es, ſage ich, für ihn, wenn er, vor die Kleinen geſtellt, gar nicht anders kann als zu ihren Kinderſeelen ſich herablaſſen, in Wort und That dem kindlichen Verſtändnis ſich anpaſſen. Um ſo eher wird er dann auch ſpäter, im Verkehr mit älteren und geiſtig höher entwickelten Knaben den rechten Ton zu finden wiſſen.

Aber, ſo kann man auch jetzt noch fragen, iſt denn das Nebeneinander der am Gymnaſium und, am Seminar zu erfüllenden Thätigkeiten, rein äußerlich betrachtet, überhaupt durchzuführen? Mit drei als Probelehrer dem Gymnaſium zugewieſenen Kandidaten habe ich ſeit Beginn des Winter⸗ halbjahrs den Verſuch gemacht. Sie ſind zugleich Mitglieder des Univerſitätsſeminars und Lehrlinge am Gymnaſium im Sinne der neuen Ausbildung. Sie hören die Vorleſungen des Profeſſor Rein über allgemeine Didaktik(drei Stunden), erteilen jeder 23 Stunden Unterricht an der Uebungsſchule und nehmen ſowohl an dem regelmäßig in der Woche einmal von einem Seminariſten gehaltenen Prak⸗ tikum ſowie an den an zwei Abenden ſtattfindenden kritiſchen Beſprechungen jener Probelektion und an den theoretiſchen Erörterungen teil(Kritikum, Theoretikum). Es bleibt ihnen daneben reichliche Zeit für die am Gymnaſium ihnen geſtellten Aufgaben und Pflichten, welche ſie derart in Anſpruch nehmen, daß hier der eigentliche Schwerpunkt ihrer praktiſchen Ausbildung gelegen iſt.

Das Gymnaſialſeminar).

Die Einführung in den Schulorganismus des Gymnaſiums und in die Methodik der gymna⸗ ſialen Lehrfächer, das war es, was das Univerſitätsſeminar nicht zu leiſten vermochte, und hierin liegt alſo die Aufgabe des Gymnaſialſeminars. In welchen Formen wird ſich derſelben in einer für den allgemeinen Unterrichtsgang unbedenklichen Weiſe genügen laſſen? Dieſe Formen werden ſich aus den in der Natur der Sache begründeten Mitteln der Unterweiſung ergeben müſſen. Dieſe Mittel aber ſind: Vorbild, Anleitung, Selbſtübung, Kritik und der durch die Gemeinſchaft gleichſtre⸗ bender Genoſſen zu weckende Wetteifer. Der letzte Punkt bedingt thunlichſte Gemeinſamkeit der Uebungen und der Beſprechungen.

Zunächſt alſo werden die Kandidaten auf den Unterrichtsgebieten, in welche man ſie einführen will, zur denkenden Beobachtung eines muſtergiltigen, in jeder Hinſicht vorbildlichen Unterrichts

1) Vergl. O. Frick, das Seminarium praeceptorum an den Frankeſchen Stiftungen zu Halle. Halle 1883 und verſchiedene Aufſätze deſſelben über die Seminarfrage in den Lehrproben. Fr. Zange, Gymnaſialſeminare und die pädagogiſche Ausbildung der Kandidaten des höheren Schulamts. Halle 1890, eine Schrift, welche auch für den vorhergehenden Abſchnitt zu vergleichen iſt. H. Schiller, Pädagogiſche Seminarien für das höhere Lehramt. Ge⸗ ſchichte und Erfahrung. Leipzig 1890. Vgl. auch F. W. Klumpp, Die gelehrten Schulen nach den Grundſätzen des wahren Humanismus und den Anforderungen der Zeit. Stuttgart 1829. Hier wird(II, 304 ff.) etwas dem heutigen Gymnaſialſeminare Aehnliches gefordert und verſtändig begründet.

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