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auch seine persönliche Milde und Allerweltsfreundschaft dem Blatte wieder manchen Nutzen, indem von demselben jede partei- leidenschaftliche Intoleranz irgend einer Schule ferne gehalten wurde. In diesem Sinne kann man Göthe zustimmen, wenn er sagt:„Was den Werth und die Würde des„Deutschen Merkurs“ viele Jahre hindurch erhielt, war die dem Herausgeber desselben angeborene Liberalität. Wieland war nicht zum Parteihaupte ge- schaffen. Wer die Mässigung als Hauptmaxim anerkennt, darf sich keiner Einseitigkeit schuldig machen““.
Noch mehr als der Merkur war zur Zeit vor Schiller's erstem dichter'schen Auftreten schon die dritte ältere Zeitschrift von literarischer Bedeutung, die„Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste“,¹) von ihrer ursprünglichen Höhe herabgesunken. Die Fortsetzung der von Nicolai und Moses Mendelsohn 1757 gegründeten„Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste“, wurde die „Neue Bibliothek“ von dem Kreis-Steuereinnehmer Christian Felix Weisse herausgegeben. Obwol weit verbreitet, übertraf sie doch die„Neue Allgemeine deutsche Bibliothek“ noch an Nüchtern- heit und Seichtigkeit in den Recensionen. Nachdem sich ibrer Unentschiedenheit halber Merck und die übrigen besseren Köpfe unter ihren Mitarbeitern von der„Neuen Bibliothek“ losgesagt hatten, führten Kritiker vom Schlage Mansos, welcher in ihr u. A. auch über Göthe und Schiller den Stab brach, in der Zeit- schrift das grosse Wort. Schiller nennt dieselbe deshalb in einem Briefe vom 29. Dezember 1795 spöttisch die„Leipziger Geschmacks- herberge“, und in den Xenien 45 und 46 ²) sagt er von ihr:
„Jahre lang schöpfen wir schon in das Sieb und brüten den
Stein aus;
Aber der Stein wird nicht warm, aber das Sieb wird nicht voll“
und:
„Invaliden Poeten ist dieser Spittel gestiftet;
Gicht und Wassersucht wird hier von der Schwindsucht gepflegt.“
Die Erbitterung, welche diese Angriffe bei den davon Ge- troffenen hervorriefen, musste Schiller später entgelten; seine
¹) Leipzig, 1766—1806. 2²) Wahrscheinlich beziehen sich auch die Distichen 47 und 48 auf die „Neue Bibliothek“. Jedenfalls wird dieselbe aber noch in den Xenien 339 und 340 gegeisselt.


