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vom Kleide weg. Schlimmer noch erging es Nicolai; er wurde mit einem ganzen Schwarm von Xenien, nahezu 40 Stück, über- schüttet und mit„Dummheit“,„Geschwätzigkeit“,„Leerköpfig- keit“ und ähnlichen Krattausdrücken reichlichst bedacht. Kein Wunder daher, dass der so arg Mitgenommene durch ein ganzes Buch antwortete, ¹) von dem ein zeitgenössischer Kritiker meint, dasselbe sei die bitterste Pille gewesen, welche Schiller in seinem ganzen Leben zu schlucken bekommen. Und sehr erklärlich auch, dass die„Neue Allgemeine deutsche Bibliothek“ gegen den Ur- heber der Xenien, über dessen Dichtungen sie bis dahin blos mit philiströser Plattheit zu Gericht gesessen, die ganze Meute rachedurstiger Recensenten entkoppelte.
Neben der„Allgemeinen deutschen Bibliothek“ behauptete Wieland's„Merkur“ in den achtziger Jahren noch immer einen bedeutenden Einfluss ²). Seit 1780 war Bertuch wieder Mitherausgeber, in den Jahren 1788 und 1789 betheiligte sich auch Schiller an der Redaction. Als aber Reinhold aus Wien nach Weimar kam und Wieland's Schwiegersohn wurde, trat dieser an Bertuch's Stelle. Da jedoch Wieland den Ertrag der Zeitschrift grösstentheils für sich allein behielt, so erlahmte Rein- hold's Interesse daran bald, und 1798 wurde Oberconsistorialrath Böttiger stiller Herausgeber und Redacteur. Er blieb es dann auch trotz mancher Mishelligkeiten mit Wieland bis 1810.
Wie leicht erklärlich, erlitt die Bedeutung der Zeitschrift durch diesen mehrfachen Wechsel in der Redaction manche Ein- busse. Wenn Göthe demungeachtet in seiner Denkrede auf Wieland sagt, der Mercur könne durch mehre Jahre hin als Leitfaden in unserer Literaturgeschichte dienen, und seine Wirkung auf das Publikum sei gross und bedeutend gewesen, so will dies mit einiger Reserve aufgenommen sein. Um einen durchschlagenden Erfolg zu erzielen, gebrach es Wieland an der nöthigen kritischen Schärfe im Urtheile, sowie auch an der für einen Redacteur un- erlässlichen rücksichtslosen Energie; ³) andererseits jedoch brachte
¹) Anhang zu Fr. Schillers Musenalmanach, 4. Jahrg. 1797. Berlin und Stettin, 217 S.
²) Der Deutsche Mercur, Weimar 1773— 1789. Neuer Deutscher Mer- cur, Weimar 1790—- 1810..
») Dieser Umstand war es auch, welcher den„Mercur“ seines beru- fensten kritischen Mitarbeiters beraubte: Wieland's häufige Bitten um Rück- sicht und Milde verleideten Merck das Recensiren, so dass derselbe 1780 zum letzten male Beiträge für den„Merkur“ lieferte.


