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Damit ist alles Nennenswerte aufgezählt, was bis nun zur Einführung eines jüngeren Geschlechtes in die Schillerkritik des vorigen Jahrhunderts geschehen. Nichts natürlicher daher, als dass zu verschiedenen malen bereits von competenter Seite, u. A. von Rud. Gottschall, der Wunsch laut geworden ist, die in der Geschichte der Schillerkritik noch vorhandene Lücke ausgefüllt zu sehen. Wenn ich in Folge dessen hiemit den Versuch mache, das zerstreute Material zu sammeln, das Bekannte durch Unbekanntes zu ergänzen undjenes mit diesem nach Massgabe des mir an dieser Stelle zu Gebote stehenden Raumes zu einem übersichtlichen Bilde zu ver- einigen: so darf ich dabei wol auf einige Theilnahme seitens der fach- männischen wie auch jener Leser rechnen, welche, obgleich nicht Literarhistoriker von Beruf, doch ihren Schiller— und zwar nicht den fertigen Dichterheros allein, sondern auch den wer- denden— in's Herz geschlossen haben. Jene aber werden mir hoffentlich keinen Vorwurf daraus machen, wenn ich mich im Hinblick auf diese hie und da genöthigt sehen sollte, etwas aus- führlicher zu werden, als es in einer ausschliesslich für fach- männische Kreise bestimmten Arbeit erforderlich sein würde.
Bevor ich jedoch daran gehe, das Licht der zeitgenössischen Kritik auf die einzelnen Dramen Schillers fallen zu lassen, dürfte eine flüchtige Orientirung unter jenen Literaturblättern, welche für den in Rede stehenden Zweck von besonderer Bedeu- tung sind, als geboten erscheinen. Möge daher eine kurze Ueber- schau derselben hier zunächst Platz finden.
Unter allen in Betracht kommenden deutschen Organen der literarischen Kritik waren die tonangebenden bis zu der in das Jahr 1785 fallenden Gründung der„Allgemeinen Literaturzeitung“: die„Neue allgemeine deutsche Bibliothek“, die„Neue Bibliothek derschönen Wissenschaften“ und Wieland's „Deutscher Mercur“.
Die„Allgemeine deutsche Bibliothek“¹) hatte 1765 die Erbschaft der von Nicolai und Lessing gegründeten Literatur- briefe angetreten und wirkte vornehmlich im Dienste der theolo- gischen und philosophischen Aufklärung. Friedrich Nicolai, der Herausgeber, war auch die Seele des Unternehmens. Er hatte es verstanden, einen stattlichen Kreis von fachmännischen Mit- arbeitern, unter denen sich viele Gelehrte ersten Ranges, daneben
¹) Berlin, 1765— 1792. r.


